???? – Lebensborn

Koxa – Lebensborn (Review und Kritik)

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Koxa – Lebensborn

„Lebensborn“ – so nennt sich das Album, das als Projekt unter der Leitung von Tonkünstler Mirco Dalos (Koxa) in Zusammenarbeit mit den von ihm produzierten Künstlern entstand. Den meisten wird der Begriff Lebensborn bekannt sein: Lebensborn war im nationalsozialistischen Deutschen Reich ein eingetragener, staatlich geförderter Verein, der auf die Zucht der reinen arischen Rasse spezialisiert war, um die Geburtenrate derselben zu erhöhen. Um es vorweg zu nehmen: Bei „Lebensborn“ handelt es sich keinesfalls um ein Werk, das rechtes Gedankengut propagiert (siehe Kommentar des Künstlers am Ende dieses Reviews).

Viel mehr soll der Titel verdeutlichen, dass wir vor solch einer kranken Ideologie auch in Zukunft nicht gefeit sind. Durch Genmanipulation kann es früher oder später unter Umständen möglich sein, Menschen so zu erschaffen, wie sie im System der Gesellschaft die maximale Funktionsfähigkeit erreichen und den größten Profit einbringen – eine Elite – wie in Nazideutschland die Arier. Doch genug der Titelerklärung.

Es mag sich durch diese ausführlichen Einleitung bereits abzeichnen, dass es sich bei „Lebensborn“ um mehr handelt, als nur um ein Stück Musik. Viel mehr lässt sich das gesamte Werk als eine unvergleichbare Reflektion der Gesellschaft begreifen, als Musik für den Kopf, die den Hörer zum Nachdenken und Innehalten anregen soll.

»In einer verwalteten Welt, …in der es keine Probleme gibt und sich für alles eine Lösung findet, lässt sich immer auch eine Geräuschquelle installieren, hinter der, im Stillen, das Verbrechen vollführt wird.« (Theodor W. Adorno)

Dieses Zitat trifft bereits auf „Meridian“, den ersten Titel, unausweichlich zu. Auf ein gesprochenes Intro, das den Hintergrund des Werks deutlich machen soll, folgt die erschütternde Erzählung eines Jungen, der durch die ignorante und verblendete Gesellschaft, sowie von seinen brutalen Eltern unter Druck gesetzt, an der Struktur zerbricht und ihr nie zu entfliehen vermag. Diese unverschönte Konfrontation mit der harten Realität, wie sie leider auch heute noch hinter unzähligen verschlossenen Türen stattfindet, provoziert einen Blick hinter die Fassaden, eine Reflektion der Struktur, der blind gefolgt wird. Ein bewegendes und zugleich schockierendes Stück.

„Zero“ dagegen ist ein sehr melodischer und eingängiger Track, der dennoch sehr stimmungsvoll ist und genau das ausdrückt, was er ausdrücken soll. Absolut hörenswert, auch wenn man nicht die Absicht hat, sich mit dem Belang des Albums auseinanderzusetzen.

Ein weiteres Stück soll noch Beachtung finden: „Fearsome Freezone“. Hier handelt es sich um ein Stück mit marschähnlicher Beatunterlegung, das von der Einspielung alter Liedaufnahmen und Reden dominiert wird und über einen erzählerischen Charakter verfügt, damit eine ganz eigene Atmosphäre und Realität kreiert.

Man sollte das Werk als Ganzes hören und es fällt schwer, die Atmosphäre zu beschreiben und auf bestimmte Elemente zurückzuführen, weshalb hier nicht noch weiter auf die einzelnen Tracks eingegangen wird. Zweifelsohne handelt es sich um ein absolutes Hör- und Klangerlebnis und um ein Werk, das es schon viel früher hätte geben sollen.

vilaki Fazit: Musik und Emotionen hängen für mich unumstößlich zusammen: Bei diesem Werk ist es den Künstlern auf außergewöhnliche Art und Weise gelungen, eine bedrückende und zugleich unbequem harte Realität zu vertonen. Eine Realität über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Mich hat selten ein musikalisches Werk derart bewegt und nachdenklich gemacht, wie es bei „Lebensborn“ der Fall war. Zudem bewundere ich die Künstler für ihren riskanten Einsatz, für den Kampf um einen Blick hinter die Kulissen unserer festgefahrenen und eingesessenen Gesellschaft. Wer Musik zum Abgehen sucht, ist hier sicherlich falsch. Doch für denjenigen, der sich auch gedanklich damit beschäftigen möchte und den Blick in den Spiegel nicht scheut, ist „Lebensborn“ ein Meisterwerk.

Dennis "Bieberpelz" KnollZweite Meinung: Nach ersten Recherchen war Meine Skepsis zu diesem Album und Interpreten sehr groß. Hat doch der Titel „Lebensborn“ und seine Bedeutung, sowie der versteckte Hinweis zu Ausschwitz auf der Webseite, eine kritische Beobachtung erfordert. Glücklicherweise haben wir von Koxa eine ausführliche und positive Aufklärung zum Projekt bekommen. Da ich selber über diese Thematik in der heutigen Gesellschaft nachdenke – und diese für möglich und stark realistisch halte – haben mich seine Worte, mit den starken parallelen zu meiner Gedankenwelt, sehr beeindruckt. Gleich beim ersten Hören hat das Album meine volle und intensive Aufmerksamkeit bekomme und mich in diesem Bereich noch tiefer nachdenken lassen. Dieses Album ist zweifelsohne an Leute gerichtet, die sich mit nachdenklichen Thematiken zu einem Album auseinander setzen mögen, und dabei minimaler aber atmosphärischer Musik lauschen wollen oder sich einfach von den Sprachsamples zur atmosphärischen Musik bedienen lassen. Für Freunde von Eisensonne, Oberer Totpunkt oder ähnlich Politik- und Gesellschaftskritischer Musik eine unbedingte Empfehlung. Volle Punktezahl für ein atmosphärisches Werk welches die Thematik nicht besser hätte untermalen können.


Trackliste

  1. Meridian
  2. Zero
  3. Fearsome Freezone
  4. Sound Fingers
  5. Meatmarkets II
  6. Your Televangelist
  7. Lebensborn


(10/10)
(10/10)

Anspieltipps:
– Meridian
– Zero

Erscheinungstermin:
25.09.2009 (Kann jedoch hier schon geordert werden)

Homepage



Auf Nachfrage über den fragwürdigen Titel bekamen wir von Mirco Dalos folgende Antwort, für deren Ausführlichkeit wir ihm noch einmal danken möchten:


Hallo Herr Knoll,

herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserem Album »Lebensborn« und Ihre ausführliche Nachricht. Gerne beziehe ich hier Stellung zur CD und zum Inhalt des Konzeptes. In der Tat habe ich mich beim Titel der CD bei einem Projekt der Nationalsozialisten bedient und in der Tat ist »Oswiecim« der polnische Name für die ehemalig deutsche Stadt Auschwitz, welche natürlich Assoziationen mit den KZs birgt. An dieser Stelle ist allerdings jeder Bezug der CD zum Nationalsozialismus beendet, denn ich transportiere auf der CD beide Begriffe als Metaphern in unsere heutige Zeit, entkoppelt vom Nationalsozialismus.

Zur Klärung:
Der Inhalt der CD soll ein Bild unserer heutigen Gesellschaft (insb. der deutschen) abgeben. Dabei geht es um die Frage, wie Kinder / Jugendliche in die Systeme der Erwachsenenwelt (Arbeit / Konsum / Zynismus) eingespurt werden (Songtitel Meridian und Zero) und wie der eingespurte Mensch darin funktioniert und seine von der Gesellschaft bestimmten Aufgaben wahrzunehmen hat. Das Thema »Macht« nimmt dabei einen großen Raum ein. Zu diesem Thema werden die SGB II & III Gesetze angeführt (ersteres auch unter »Hartz I-IV« bekannt) angeführt und sich kritisch damit auseinandergesetzt, dass der Mensch in unserer heutigen Welt offenbar nur dann eine Berechtigung zum Dasein besitzt, wenn diese mit Erwerbsarbeit / Konsum verknüpft ist. Der Mensch als Subjekt taucht in diesem System nicht mehr aus und wird verliert nach und nach seine Würde auf das Mensch sein an sich. Die CD bedient sich lediglich der Formeln des Nationalsozialismus, um insbesondere zu diesem Thema Kontinuität zu beschreiben.

Ein System (und oder »Staat« / Regierung), dass korrupte Banken und marode Unternehmen mit Summen stütz, die ich weder auszusprechen noch zu schreiben vermag, seiner Bevölkerung aber beispielsweise ein bedingungsloses Grundgehalt verweigert, arbeitet dem Thema der CD nach auf einen Mensch hin, der am Ende ohne eigenen Willen ausschließlich funktionalen Bestimmungen unterworfen ist. So ein System muss quasi jede eigenständige Regung unterdrücken und am Ende einen Menschen psychisch und physisch »züchten«, der dem Menschen- (Funktions-)bild des Systems immanent entspricht. Das Thema der CD imaginiert am Ende so eine Zuchtform, die den Begriff »Lebensborn« widerspiegelt. Bei den Nazis ging es um die Zucht vermeintlicher Arier (die allerdings auch nur der Todesphilosophie des Staates zu entsprechen hatten) und im Gesellschaftssystem heute um den perfekten Konsumenten, der nur arbeitet, konsumiert und keine Fragen stellt.

Zusammengefasst geht es um (deutsche) Kontinuität. Ich bediene mich dabei speziell dem deutschen Thema (obwohl in den meisten kapitalistischen Systemen auf der Erde ähnliche Verhältnisse zu erwarten sind), weil ich in Deutschland lebe und nur abbilden kann, was ich um mich herum erlebe, wenn ich bei dieser Abbildung genau (akkurat) sein möchte.

Ich hoffe sehr, dass ich mit der vorangegangenen Erklärung Ihre Befürchtungen entkräften kann. Leider ist das Thema derart komplex, dass es kaum einfache Worte dafür gibt. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass es sich keinesfalls um rechte Propaganda handelt, sind die Booklet- und Hörzitate von T.W. Adorno. Das Booklet und die CD werden mit ihm eingeleitet, um eben der Befürchtung, es handle sich um eine rechtsradikale CD, zu negieren.

Zur weiteren Info sehen sie sich bitte den EPK Film auf der Website (www.soundfingers.com oder YouTube(Teil 2)) an. Dieser wird Ihnen weitere Informationen geben.

Falls Sie weitere Fragen haben, freue ich mich auf eine weitere Nachricht von Ihnen.

Viele Grüße,
Mirco Dalos

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