Album Review zu Klangstabils “Shadowboy“ – ein elektronisches Epos

Schon vor einigen Wochen hatten wir über das neue Album des deutschen Electro-Duos Klangstabil berichtet . Nun hatte ich das Privileg, mir das Werk anzuhören und zu rezensieren.
Schon die Beschreibung des Albums und der Grund, warum es geschrieben wurde, machten mich neugierig, denn ich selbst kenne dieses Gefühl, überfordert innerhalb sozialer Gefüge zu sein und es gab oft Phasen, wo ich mich isoliert hatte und im Konflikt stand, wie es nun weiter gehen soll.

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Mit “Shadowboy“ haben Klangstabil ein musikalisches Anklagewerk gegen die Gegenwart geschaffen; gegen die heutzutage vorherrschende Lebensphilosophie, dass die Funktionalität des Menschen innerhalb der Gesellschaft wichtiger sei als das Individuum selbst. Der alte Ego der Band, “Shadowboy“, ist der Antagonist, für ihn ist das Leben klipp und klar kein Projekt; er will nicht nur arbeiten, sich selbst optimieren und ständig an die Zukunft denken. Er will im Hier und Jetzt leben und dafür nicht verurteilt werden.  Der Shadowboy sucht seinen eigenen Weg in dem Album, sucht nach Werten und vermittelt diese dann dem Hörer weiter. Der Shadowboy fordert Solidarität, Geduld, Einfühlsamkeit und Verständnis von seinen Mitmenschen.

Musikalisch verinnerlicht das Album alles, was jemals als elektronische Musik abgestempelt wurde: von kühlen Waveelementen wie in “The Awakening“, über groovige Synthesizer bis hin zu experimentellen und minimalistischen Elementen. Trotz dieser Vielfalt bleibt das Album immer noch sehr eingängig – das Album ist sehr überdacht komponiert, ohne dabei zu aufgetragen zu wirken. Es mischen sich sogar R’n’B-Elemente wie in “The bottom of your list“ oder klassische Chorelemente wie in “Schattentanz“, die die Dramatik des Aussenseiter-Seins auf eine noch höhere Ebene heben. Dominierend bleiben jedoch die wavelastigen Elemente, die eine Stimmung von Melancholie und Einsamkeit erzeugen.
Durch diese musikalische Vielfalt, die einem verbietet, Klangstabil in eine bestimmte Schublade zu stecken, wird auch das innere Leben des Shadowboys gut unterstrichen, der zwar zumeist wütend ist, jedoch auch seine schwachen und nüchternen Momente hat.
Diese Stimmungsvielfalt wird jedoch noch beeindruckender durch den Gesang hervorgehoben – mal wird bloß angeklagt, fast gesprochen, dann wird wieder gesungen oder sogar mal gerappt, wie in dem Lied “Arbeitstitel“.
Der innere Konflikt, in dem der “Shadowboy“ sich befindet, wird jedoch nicht gelöst, denn “End of us“, das letzte Lied auf der Scheibe, endet mit Melodien, die an Krieg erinnern.
So ein Epos in Form von elektronischer Musik zu kreiieren ist einzigartig und sehr gelungen, da es sehr modern klingt und man mit Epos eher klassische Musik verbindet.

klangstabil

Das Album passt gut in heutige Zeiten, wo viele das Gefühl erleben, alleine und überfordert inmitten der Maße zu sein, weil man nur als Funktionsträger und nicht als Individuum gesehen wird. Es entsteht ein Gegenentwurf zur Passivität der Menschheit, Shadowboy ist wütend, möchte aufrütteln und sensibilisieren – und das ist auch gut so, denn die Unterdrückung unserer Selbst muss endlich aufhören. Wir müssen uns endlich wieder als wertvolle Individueen sehen und den Sinn jedes Einzelnen anerkennen und uns von den gesellschaftlichen Zwängen befreien.
Klangstabil haben hier eindeutig Musik mit Motivation geschrieben, man spürt, dass dieses Album gemacht werden musste, um manche Dinge zu verkraften. Es ist nicht nur ein Unterhaltungsstück, wie so viel Musik heutzutage, auch in unserer schwarzen Szene, sondern ein Werk, dass zum Nachdenken anregt; über unsere Gesellschaft und die Werte, die uns vermittelt werden. Doch “Shadowboy“ tut vor allem eins: einen berühren, da er sich so menschlich und verletzlich präsentiert.
Für mich definitiv ein Diamant, den hoffentlich noch viele für sich entdecken werden.

Anspieltips: The Awakening, Arbeitstitel, Schattentanz, Bottom of your list

Meine Bewertung: 8/10

About Alex Ultra-Riot

Anstrebende Bachelorette in English Studies und Politik&Gesellschaft. Verirre mich gerne auf gedanklichen Pfaden und bin immer auf dem Weg zu etwas Größerem, Besserem, Schönerem.

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