Dark Solitary: Ghostfog im Interview – Teil I

In unserer Reihe Dark Solitary stellen wir euch nicht nur die Musiker und Künstler vor, sondern auch diejenigen, ohne deren Arbeit die Bands nicht weiterkommen würden. Heute möchten wir euch Ghostfog vorstellen:

Ghostfog ist ein Underground-Künstler, der in Essen seine Basis hat und seit vielen Jahren als Illustrator, Designer und Musiker in der Szene aktiv ist. Nachdem er eine ganze Zeit lang abgetaucht war, gelang es Nihil, ihn an die Tastatur zu bekommen. In einem direkten und nicht ganz Jugendfreien Interview spricht Ghostfog über Inspiration, Rockstar-Gehabe, Image, Drogen und faule Musiklabels.

 

Hi, Ghostfog. Was geht bei dir?Ghostfog
Danke Mann, läuft. Ich hoffe, bei dir auch? Nachdem ich mich jetzt gut zwei Jahre erstmal um ganz andere Dinge kümmern musste, fühle ich mich so langsam wieder fit für den Ring. Die kreative Arbeit hat mir gefehlt wie Sau und so langsam kommen die Dinge wieder ins rollen.

Da ich weiss, wie „gern“ du Interviews gibst, versuche ich dich direkt mal etwas aus der Reserve zu locken: Ich bin Ende 2010 bei Myspace das erste mal über dein Artwork gestolpert und hab mir anfangs nur gedacht: „Abgedrehtes Zeug. Was hat der Typ? Schlaflosigkeit? Stress? Drogen?“ Traf das damals irgendwie zu?
Ach, es geht eigentlich. Kommt immer auf den Gegenüber an. Mit dir spreche und schreibe ich ja grundsätzlich gern. Ich glaube, Drogen kamen vor Stress und Schlaflosigkeit, aber ich denke nicht, dass das was damit zu tun hat. Als Grafiker ist es eben das, was dabei rauskommt, wenn ich einfach in’s Blaue schieße… Vielleicht hab‘ ich auch zu wenig Input, um irgendwelchen „normalen“ Kram zu machen. Ohne Drogen passiert jedenfalls genau das gleiche…

Ghostfog Pic 2Was soll Ghostfog bedeuten und wieso hast du dieses Pseudonym gewählt?
Gar nix. Es klingt einfach cool und das Bild dazu passt auch irgendwie zu den Dingen, die ich so fabriziere. Aber es war nicht so, dass ich wochenlang über irgendwelchen pseudo-tiefgründigen Wortgebilden gehangen habe. Mich kotzt sowas eh an – Leute die sich dann 2,5 Stunden mit wedelnden Händen über die Tiefgründigkeit ihrer Werke profilieren. „Ey, guck mal wie Jim Jarmusch ich bin.“ Nein, Mann. Du bist der verheulte Opfer-Vampir aus seinem Film, dem über die Schönheit einer mit Blut befleckten Socke einer abgeht!

Nutzen wir dieses Interview auch mal, um dich als Künstler Leuten vorzustellen, die noch nichts von dir gesehen oder gehört haben. Du gestaltest Cover, Plakate, Banner und gelegentlich auch Videoclips (für Bands). Bist du ein hyperaktiver Freak?
Ich kann schlecht von Sachen die Finger lassen, das stimmt. Als Grafiker ist es eh das, was ich gerne mache und das wird vermutlich auch immer die Primärdisziplin für mich bleiben, weil es mir einfach leicht fällt. Musik machen hat für mich schon mehr mit wirklicher Arbeit zu tun weil ich von nicht wirklich vielen Dingen ’nen Plan habe und das auch nur so als Hobby betreibe. Bei Videos kommt einfach alles kreative zusammen, ist dann aber natürlich auch entsprechend aufwändig. Daher blieb das bislang leider auch sehr auf der Strecke obwohl ich das vielfältige Arbeiten extrem feier´. Ich will nicht immer die gleiche Scheiße machen. Da wirst Du doch irgendwann blöd im Kopf.

Wie arbeitest du eigentlich? Zeichnest du, malst du? Ist das alles digital erstellt?
Zu ungefähr 90% mache ich den Kram digital. Früher habe ich viel gezeichnet aber die Cyberwelt hat mich irgendwann gefressen. Ich liebe die Möglichkeiten, die der digitale Kosmos einem gibt. Manchmal ist es aber tatsächlich schneller und einfacher, etwas eben per Hand zu machen. Um Sequenzen und Drehbücher zu planen zum Beispiel oder wenn du was wirklich scratchiges brauchst.

Ghostfog Pic 3Was für analoge oder digitale Werkzeuge benutzt du für deine Arbeiten?
Digital nutze ich überwiegend die Adobe-Studios, für Musik immer noch sehr gerne Image Line, weil ich einfach zu faul bin, mir irgendetwas anderes reinzuziehen. Wenn es um´s zeichnen geht, arbeite ich meistens mit Bleistift und Finelinern. Da ich insgesamt eher den dreckigen Stil mag, baller ich gerne auch einfach irgendwelches Material zusammen. Zzt. arbeite ich an diversen Masken – die meiste Zeit brennen die erst einmal bis sie dann ihre Farbklatsche bekommen.

Wie sieht dein Heimstudio und dein Arbeitsplatz eigentlich aus? Nerdiger Schreibtisch mit analogem, verstaubtem Equipment oder alles klinisch rein und komplett digitalisiert als Plugin-Software?
Da der im Augenblick neu aufgebaut wird, sieht er noch nichtmal nach einem Arbeitsplatz aus. Aber ich habe es im Grunde doch lieber etwas geordnet. Ich bin zu faul um ständig irgendeinen Scheiß suchen oder umräumen zu müssen. Ich mag es zweckorientiert. Wenn Dinge für Videos oder anderes Equipment gebaut werden muss, geht das meistens eh nur draussen oder in externen Werkstätten, wo du auch mal ohne Probleme mit ’ner Farbdose oder Klarlack draufhalten kannst um das Ding dann erstmal in Brand zu stecken. Don’t try this at home!

Der perfekte Moment und Zustand zum kreativen arbeiten für dich ist:
Ein freier Kopf und viel Zeit. Eigentlich funktioniere ich unter Zeitdruck ziemlich gut aber entspannt arbeiten zu können bringt natürlich immer mehr, als irgendetwas im Nacken sitzen zu haben. Mittlerweile auch nur noch nüchtern. Zugedröhnt Beats zu bauen oder Bilder zu malen macht zwar Spaß, ist aber hochgradig ineffizient. Zuviele WTF?! – Momente am nächsten Morgen lassen dich irgendwann umdenken.

Hast du das alles klassisch erlernt oder durch „learning by doing“? Wann hast du mit dem ganzen angefangen?
Ich glaube, mein erstes Logo habe ich gemalt, als ich das des Footclans aus der damaligen Turtles-Serie gesehen habe. Geil – sowas wollte ich auch. Im Grunde hab‘ ich mir das meiste selbst beigebracht. Ich habe zwar eine grafische Ausbildung abgeschlossen, aber abgesehen von der Theorie habe ich da nicht wirklich was Neues gelernt. Das hat mich dann mitunter auch vom Studium abgehalten. Ich komme da rein und sehe die selbe abgefuckte Scheiße an den Wänden, die ich die letzten Jahre schon fabriziert habe. Und das 100 Semester, um nachher in ’nem Büro hinter ’nem ekligen Apple zu versauern an dem ich Plakate oder aerodynamisch geformte Bügeleisen designe? Am Arsch, Leute! Nein. Wenn ich Bock habe, etwas zu machen, dann mache ich es einfach. Zur Not auch 10 mal bis es mir persönlich gefällt. Ich lerne in diesen Dingen sehr schnell.

Ghostfog Pic 4Für mich als Betrachter haben deine visuellen Arbeiten etwas abgedrehtes, manchmal morbides an sich. Auf jeden Fall immer „optischer Headfuck“. Ziehst du dir gezielt auch Filme mit so einer visuellen Sprache rein? Bist du ein Film-Nerd?
Ich weiß nicht, ob ich SO weit gehen würde. Ich ziehe mir definitiv im Schnitt 5 bis 10 Filme pro Woche rein. Darunter ist auch viel Mainstream-Kino, dass visuell eigentlich nicht wirklich klatscht. Aber wenn, dann feier ich das extrem. Neulich habe ich Der Tod weint rote Tränen gesehen. Ich saß ungelogen 100 Minuten da und dachte: „Geil ! – Mach ich auch mal! Geil !! – das auch !! Und das !!!“ Der Streifen schiebt eine so übertriebene Psycho-Optik und ist dazu auch unfassbar surreal. Ja, wenn ich sowas auftreiben kann, dann ziehe ich das allem anderen vor. Selbst, wenn es inhaltlich für mich keinen Anspruch enthält wie die bekannten Größen 300 und Sin City. Aber neben der Filmmusik ist dieses Element mir persönlich auf jeden Fall extrem wichtig.

Wie kann es eigentlich sein, dass so ein Optik-Fetischist wie du kein Zocker von Videospielen ist? Ist dir eigentlich klar, was dir da an Genuss und Inspiration entgeht?
Mein Problem ist, dass ich allgemein zu Suchtverhalten neige. Egal, worum es geht. Setz‘ mich 2 Stunden vor so ’nen Unsinn wie WoW und ich bin verloren. Aber ich halte mich dazu immer etwas auf dem Laufenden. Allerdings fällt mir im Augenblick nicht wirklich etwas ein, dass mich in punkto Optik wirklich geflasht hat. Aber du hast Recht. Ingesamt sind da Designtechnisch wirklich fette Bretter dabei.

Ghostfog Pic 5Was ist mit Comics? Worauf fährst du da ab?
Auf fast gar nichts. Ich bin kein Comicleser. Mike Mignola hat mich mal mit einem Alien-Comic hart erwischt, aber ansonsten finde ich 90% des Materials uninteressant. Vor ein paar Tagen fiel mir nochmal Frank Miller’s Dark Knight Returns in die Hände. Was für ein Abfuck von jemandem, der Sin City gebracht hat. Ich bin da ganz schwierig.

Neben Artwork machst du auch eigene Musik. Du programmierst Sounds, spielst Gitarre, Bass und singst auch, richtig?
Gitarre und Bass hundsmiserabel aber zum samplen zuhause reicht’s. Gesang geht bei mir gar nicht. Für die damaligen Ghostfog-Releases hab ich alles so zerschreddert, dass man nix mehr verstanden hat weil ich meine Stimme auf Tracks einfach nicht ab kann. Aber das ist okay. Ich feier sehr viel Black Metal, vor allem wegen der Vocals. Besonders wenn sie eher leise im Hintergrund liegen, statt einen die ganze Zeit zuzulabern. Dani Filth möchte ich permanent das Maul stopfen und zurück schreien, dass er seine verfickte Fresse halten soll, damit ich was von der Musik mitbekomme. Dämlicher Laberkopf. Also alles cool zum Thema Vocals…

Ghostfog ist dein Soloprojekt. 2011 hast du das Album Hear Them Whisper herausgebracht. Ist das der Sound, der auf allen Ebenen Ghostfog als Künstler repräsentiert?
Hear Them Whisper ist kein Album sondern eine alleinstehende Single. Ja, das ist auf jeden Fall so eine Art Visitenkarte für das, was ich gerne mag. Vor allem in Kombination mit dem Video. Hart, dreckig, kaputt, düster, unverständlich…so mag ich’s:

Weiter geht es dann im zweiten Teil des Interviews. Schaut euch solange einfach mal einige Arbeiten von Ghostfog hier an:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

About Nihil

Hobbies: Musik, Filme, Gitarre, Whiskey, Pen&Paper Rollenspiele, Fussball Lieblingsmusik: Godflesh, Ministry, Massive Attack, Mayhem, NIN, Sisters Of Mercy Motto: "I won´t get down in history but I will get down on your sister" Bin ein hyperaktiver, ungeduldiger Kerl - ich habe manchmal eine grosse Klappe und schere mich wenig um "Political Correctness" in der Unterhaltungsindustrie. Eigentlich hasse ich Kunst und alles, das mir zu "gekünstelt"erscheint. Für mich muss Musik polarisieren, laut sein und mehr Substanz haben als Hochglanzfotos auf den Titelseiten der Magazine. Ich liebe die einfachen Dinge des Lebens. Momentan bin ich Gitarrist bei Ibyss und PaPerCuts und war zuvor auch einige Zeit als Live-Musiker bei Blutzukker und Killing Smile tätig. Mit meinen Beiträgen will ich gezielt über viel zu unbekannte Musik und zu Unrecht vergessene Alben schreiben. Den Underground zu supporten ist genau mein Ding.

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