Dark Solitary: InterZone Perceptible im Interview – Teil I

Bei InterZone Perceptible handelt es sich um das Musikerduo Matthias Hettmer aus Essen und Sven Hermann aus Gladbeck. Die beiden Musiker vertonen schwarz-weiß Stummfilme mit eigenen Kompositionen, indem sie live bei der Aufführung spielen. Bei einem solchen Potential an Krach und Lärm konnte Redakteur Nihil gar nicht anders, als die beiden zu einem ausführlichen Interview einzuladen.

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Hi, ihr beiden. Alles fit bei euch?
Sven:
Alles supi. Danke für die Einladung zu diesem Interview. Vorab eine Erweiterung deiner Einleitung: Stummfilm in Concert findet nicht nur in Kinos statt, wir bringen das Kino in die verschiedensten Örtlichkeiten. Ein regelmässiger Spielort ist z.B. das Rottstr.5-Theater in Bochum, ein Off-Theater (ich nenne es auch liebevoll Fuck-Off-Theater, da es aussieht, als hätte man eine Bombe in einer Autowerkstatt gezündet und das Ganze dann so gelassen – ein wundervoller, magischer Ort), in dem vornehmlich Schauspiel gezeigt wird. Ebenso die Rü-Bühne Essen, ein Schauspielort. Noch zu erwähnen der Kreuzer Essen, eine evangelische Kulturkirche, dessen Räumlichkeit auch Prüfungsraum für Sprachstudenten ist und der von uns nachts in ein Stummfilm-Kino mit Live-Musik verwandelt wird.

 

Interzone perceptibleDa ich davon ausgehen muss, dass die meisten unserer Leser noch nicht das Vergnügen hatten, euch und eure Musik live in einem Kino zu erleben, lasst uns mal alles etwas simpel halten und von Grund auf erarbeiten:
Euer Band- oder Projektname: InterZone Perceptible. Bei mir macht es sofort Klick und ich denke an die „Interzone“ aus Burroughs´ Naked Lunch. Haben selbst studierte Musiker einen Hang zu dem ganzen „Sex, Drugs & Rock ´N´ Roll“-Mythos?
Sven: Als wir 1999 den Entschluss fassten eine feste Formation zu gründen, wussten wir bis dato eher, was wir nicht machen wollten, als das, was werden soll. Der Bandname sollte also die Benennung einer offenen Arbeitsplattform sein. Schließlich wurden wir im Roman Naked Lunch von William S. Burroughs fündig. Der Autor beschreibt dort die Stadt Interzone, einen fiktiven und nicht klar definierten Ort, der auf keiner Landkarte zu finden ist. Ob er in einem Paralleluniversum existiert oder die Verbildlichung eines Drogentrips darstellt, bleibt in der Schwebe. Wir kombinierten „Interzone“ mit dem englischen Adjektiv „perceptible“ (dt. wahrnehmbar) und eröffneten uns einen Assoziationsraum, der wahrhaftig zwischen allem steht und nur das Wortfeld Sinnliche Wahrnehmung als Konstante hat. Über die Jahre wurde diese offen definierte Arbeitsplattform mit unterschiedlichsten künstlerischen Ausdrucksformen gefüllt. Das Ganze ist also doch eine recht rationale Überlegung gewesen, ein schon fast akademischer Umgang mit Ekstase, Verlangen, Perversion, Trieb, Abartigkeit, Liebe, Leben, Tod, also die gesamte Bandbreite der menschlichen Existenz.

Wie seid ihr jeweils zur Musik gekommen und wie ist dieses Projekt entstanden?
Sven_sw_04Sven: InterZone Perceptible wurde 2000 ins Leben gerufen. Damals war unsere Studienzeit an der Folkwang Hochschule Essen mehr oder weniger beendet. 1999 hatte ich mein Diplom als Akkordeonist gemacht und studierte noch Komposition, Matthias bekam 2000 sein Kompositions-Diplom und hatte zuvor privat E-Bass studiert. Unsere Gemeinsamkeit war die Doppelausbildung und beide wurden wir von unseren Lehrern darauf aufmerksam gemacht, uns früher oder später entscheiden zu müssen, ob wir uns als Interpret oder als Komponist etablieren wollten. Wir nutzten kurzerhand diesen von außen an uns herangetragenen Konflikt und begannen in diversen Spielformen mit ihm zu experimentieren. Genau genommen hatten wir schon 1998 mit dem Erforschen der Instrumentenkombination Akkordeon und E-Bass begonnen.

Die Zeit vor InterZone: Akkordeon zu spielen begann ich mit 7, recht früh hatte ich dann als Lehrer Teodoro Anzellotti, der heute einer der führenden Avantgarde-Akkordeonisten ist und der mich in die Neue Musik eingeführt hat. Dort war ich auch dann tätig als Solist, in kleinen Besetzungen, in Ensembles (u.a. das Ensemble Modern) und Orchestern (u.a. das WDR Sinfonieorchester). Parallel zu dieser Entwicklung begann ich, eigene Musik zu komponieren, zunächst für das Akkordeon, später für sämtliche klassischen Instrumente und Besetzungen. Die Idee, das Akkordeon mit Elektronik zu kombinieren, entstammt bereits diese Zeit, mein erstes Stück dieser Art war GÄA für Akkordeon und Zuspielung aus dem Jahre 1994.

Matthias_sw_07Matthias: Angefangen hat das alles ganz klassisch, Blockflöte im Kindergarten, dann folgten Gitarre und Orgel. Richtige Begeisterung ist bei mir im Alter von 11 Jahren aufgekommen, als ich einen E-Bassisten live gehört habe – diese Klangfarbe!  Einfach geil. Ich habe dann autodidaktisch angefangen den E-Bass zu spielen und etliche Bandprojekte in verschiedenen Stilrichtungen folgten. Als ich dann Peter Sonntag auf der Musikmesse in Frankfurt hörte, beschloss ich dort Unterricht zu nehmen.
Sehr früh begann mein Interesse für das Komponieren eigener Musik. Deshalb führte mein Weg mich dann zur Folkwang-Hochschule zum Kompositionsstudium. Dort lernte ich dann Sven kennen.

Die Kompositionen, die ihr live zu den Filmen performt sind allesamt aus eurer eigenen Feder? Ihr spielt also keine bereits komponierte Filmmusik einfach nur nach?

Sven: Eine einzige „Fremdkomposition“ haben wir im Repertoire. Und zwar handelt es sich um die Musik Cinema von Erik Satie zu René Clair´s Stummfilm Entr´acte Ursprünglich für Klavier komponiert gab es ein Arrangement für zwei Klaviere und später eines für Orchester. Bereits in den frühen Neunzigern, also noch vor Beginn meines Musikstudiums, hatte ich den Wunsch dieses Stück für zwei Akkordeons umzuschreiben. Daraus wurde erst etwas, als ich dann Matthias kennenlernte und wir einige Stücke von Erik Satie für Akkordeon und E-Bass einrichteten, darunter auch Entr’acte. Wir hatten dieses Projekt einem Kino angeboten. Der Betreiber hatte kein Interesse, fragte uns aber im selben Atemzug, ob wir eine Musik zu Das Cabinet des Dr. Caligari abrufbereit hätten, da in knapp einer Woche dieser Film programmiert war und die Musiker abgesprungen waren. Klar, sagten wir, tauschten die notwendigen Daten aus, legten auf und weinten bitterlich. Natürlich hatten wir gelogen, und wie soll man in einer Woche eine Musik für einen 78-minütigen Film komponieren? Wir waren jung und ungebunden, wir benötigten wenig Schlaf und hatten sogar noch Zeit, eine Schaffenskrise mit einem Besuch in einer Billard-Kneipe zu überbrücken, um dort durch Black Sabbath inspiriert das fehlenden Puzzleteil für unsere Komposition zu finden.

Wenn ihr mich fragt, macht ihr musikalisch hochwertigen Krach, als ob man Einstürtzende Neubauten mit Lustmord, Mike Patton und Akira Yamaoka in einem Studio allein gelassen hätte und neun Monate
später ….Wärt ihr eine „konventionelle“ Band, welchem Genre würdet ihr euch zuordnen?
Sven:
Das Dark-Ambient-hafte von Lustmord, das experimentell wahnsinnige von Patton, das brachial noisehafte der Neubauten, bei Yamaoka glaube ich siehst du die Parallele zu uns in dieser Mischung aus Computer/Maschinenkälte und Neo-Romance. Würde ich alles mit einem Unterschied bejahen: All diese Künstler denken in Songstrukturen, wir nicht. Wir klingen zwar oft wie eine Metal-Band, auf struktureller bzw. Materialebene stehen wir aber eher in der Tradition der Kunstmusik (Beethoven, Xenakis, Ligeti, Cage, etc.). 

Was hört ihr privat gerne für Musik und gibt es irgendetwas aus dem Bereich dieser Industrial/Noise-Ecke, die euch als Inspiration für IP dient?
Sven:
Aus dem Rocksektor läuft bei uns zu Hause Nine Inch Nails, Iron Maiden, Rammstein, Cannibal Corpse, Suicide Silence, Cradle of Filth, Amon Amarth (moderat momentan), Dimmu Borgir, Bring Me the Horizon (Meine dreijährige Tochter liebt Can You Feel My Heart), nach wie vor Refused, Sisters of Mercy, Deftones, Mr. Bungle, Fantomas, Faith No More zur Zeit nicht so häufig, dafür aber 70er Jahre-Genesis und Yes. Wenn ich wirklich mal Zeit und Ruhe zum Musikhören habe höre ich die Mahler-und Beethoven-Sinfonien, Erik Saties Klavierwerk oder die Amerikaner John Cage (Sonatas and Interludes for prepared piano – der Hammer!), Philip Glass (spiele ich auch gerne nur für mich auf dem Klavier) und Steve Reich.

Matthias: Privat höre ich gerne Beethoven, Haydn, Steve Reich, Frank Zappa, Motörhead, Slayer, Nirvana, Bob Marley, John Abercrombie, Jimi Hendrix, Charles Mingus, Miles Davis, Pink Floyd. Diese Musiken sind immer wieder Inspiration für das eigene Schaffen. Wie Sven schon sagte, gibt es da meist einen Projektbezug. Die Arbeit am aktuellen Stummfilm prägt letztlich die musikalischen Gedanken bzw. ruft die Situation hervor, dass für das neue Projekt „neue Gleise“ gelegt werden müssen, ein ständiger Prozeß…
Da kann es auch mal vorkommen, vielleicht sogar aus Verzweifelung, dass plötzlich Schlagermusik als Auslöser für etwas Neues fungiert. Wir sind da für alles offen und man sollte da auch keine Hemmungen haben. Viele ungewöhnliche  Stellen in unserer Musik sind durch absurde Situationen entstanden und manchmal sind wir am Ende des Tages selber überrascht, welche Ergebnisse dabei herauskommen, die man „einfach so“ mal eben nicht hätte. Das Geheimiss heisst: Loslassen!

Wieso habt ihr in eurem Programm so viele eher düster angehauchte, expressionistische Filme, zu denen ihr spielt? Wieso gerade diese, statt Charlie Chaplin-oder Buster Keaton-Titel, bei denen die Leute lachen und sich amüsieren?
Sven: Unsere Musik ist ein Tor in die Abgründe des menschlichen Sinnens. Eine fickende Hölle passt glaube ich nicht so gut zu Buster Keaton.
Matthias: Diese Filme sind zumeist komplexer und tiefgründiger, regen mehr zu mehrmaligem Anschauen an. Und diese Eigenschaft ist auch ein anregendes Element, um dazu zu komponieren, der Film sollte eben eine Herausforderung sein. Dadurch wird die Kompositionsarbeit eine wirkliche Aufgabe, die es zu meistern gilt.

Gibt es eigentlich weitere Stummfilme, die ihr gerne im Repertoire haben würdet? Sind darunter besonders schwierige Herausforderungen, die ihr zwei bislang organisatorisch oder musikalisch nicht bewältigen konntet?
Sven:
La Passion de Jeanne d’Arc von Carl Theodor Dreyer, bislang drei Kompositionsansätze, drei mal gescheitert. Der Film ist unheimlich stark, irgendwann schaffen wir ihn. Auch hätten wir wahnsinnig gerne Murnau´s Sunrise gemacht, der ist aber leider viel zu teuer was die Aufführungsrechte angeht.
Matthias: Lupu Pick´s Scherben mit Werner Kraus in der Hauptrolle wäre auch angesagt. Ein sehr harter Film, leider gibt es nach momentanen Stand keine ordentliche Kopie zum zeigen.

IP 2013_Nosferatu_Weststadthallen Essen 01Auch wenn dieser nur 17 Minuten dauert, besteht die Möglichkeit, dass ihr beiden mal den ersten Frankenstein (1910, James S. Dawley) vertont und den irgendwo bei einer Aufführung „dazwischenschiebt“?
Sven: Ich kenne den Film. Das Problem an solch kurzen Filmen ist ein rein pragmatisches: Jede unserer Filmmusiken hat ein komplett anderes Setup. Das sieht dann so aus, dass so an die 30 Bodentreter (Verzerrer, Delays, Ringmodulatoren …) verkabelt werden, das Ganze kann inkl. Soundcheck bis zu vier Stunden in Anspruch nehmen. Ein Frankenstein würde vermutlich auch trotz der Kürze solch ein komplexes Setup erhalten. Ein Umbau zwischen zwei Filmen würde kein Publikum ertragen. Paris qui dort ist beispielsweise solch ein Opfer. Der Film ist knapp 30min lang und wird aus besagten Umständen quasi nie aufgeführt. Wir sollten mal probieren, mit dem Paris-Setup den Frankenstein zu komponieren!

Laut Homepage habt sogar eure eigene Komposition zu Fritz Lang´s Metropolis im Repertoire. Mit 145 Minuten ein echtes Mammutwerk – wie oft könnt ihr das eigentlich im Jahr spielen und wie aufwendig ist das für euch?
Sven: Metropolis ist in unserem Repertoire, das ist richtig. Wir hatten den Film jetzt einige Jahre nicht gespielt, in dieser Zeit hat sich unsere Elektronik extremst verändert. Wir sind gerade dabei, die Musik zu überarbeiten und werden vermutlich noch 2015 Metropolis wieder regelmässig aufführen. Noch etwas zur Aufführungspraxis langer Filme am Beispiel von Die freundlose Gasse, die sogar 5 Minuten länger als Metropolis ist: Als wir kurz vor der Premiere einen Durchlauf aufnahmen und ihn am nächsten Tag zum Film abspielen liesen, waren wir positiv überrascht, wie kurzweilig uns das ganze vorkam und dass das Ganze sich eher wie tradierte 90min anfühlte. nach den ersten Aufführungen hörten wir lustigerweise dieselbe Meinung aus dem Publikum. Wir scheinen mit Ins Fleisch eine gute Hörkurve erwischt zu haben. Wir haben den Film jetzt in drei Wochen drei mal gespielt. Das geht besser als befürchtet.

Weiter geht es dann im zweiten Teil des Interviews. Checkt solange mal die Facebook-Seite der Jungs:
http://www.facebook.com/Interzone.perceptible

 

 

About Nihil

Hobbies: Musik, Filme, Gitarre, Whiskey, Pen&Paper Rollenspiele, Fussball Lieblingsmusik: Godflesh, Ministry, Massive Attack, Mayhem, NIN, Sisters Of Mercy Motto: "I won´t get down in history but I will get down on your sister" Bin ein hyperaktiver, ungeduldiger Kerl - ich habe manchmal eine grosse Klappe und schere mich wenig um "Political Correctness" in der Unterhaltungsindustrie. Eigentlich hasse ich Kunst und alles, das mir zu "gekünstelt"erscheint. Für mich muss Musik polarisieren, laut sein und mehr Substanz haben als Hochglanzfotos auf den Titelseiten der Magazine. Ich liebe die einfachen Dinge des Lebens. Momentan bin ich Gitarrist bei Ibyss und PaPerCuts und war zuvor auch einige Zeit als Live-Musiker bei Blutzukker und Killing Smile tätig. Mit meinen Beiträgen will ich gezielt über viel zu unbekannte Musik und zu Unrecht vergessene Alben schreiben. Den Underground zu supporten ist genau mein Ding.

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