Edgar Allan Poe – der größte Künstler seiner Zeit und seine Werke – Teil 2: „Der Rabe“ und der Tod der schönen Frau

Edgar Allan Poe – sein Name steht für Geschichten und Gedichte des Grotesken und Arabesken. Kein Werk des Schriftstellers basiert auf reiner Logik, sondern beinhaltet übernatürliche und phantastische Wesen und Ereignisse.

Aber seine Werke verursachen nicht nur den eiskalten Schauer, der dem Leser über den Rücken läuft und für eine pulsierende Gänsehaut sorgt. Auch erzeugt Poe durch seine Wortwahl tiefe Atmosphäre und Melancholie.

Poe prägte die literarischen Genres der Kriminalliteratur („Das verräterische Herz“, „Der Mord in der Rue Morgue“), des Sience Fiction („Arthur Gordon Pym“) und der Horrorliteratur („Die Maske des Roten Todes“; „Die Tatsachen im Fall Waldemar“).
Eine immer wiederkehrende Figur innerhalb von Poes Werken ist die Figur der sterbenden oder bereits verstorbenen Frau, die durch ihren Tod zum Bestandteil eines Kunstobjektes wird („Das ovale Portrait“). Auch erheben sich in manchen Geschichten und Gedichten die verstorbenen Frauen von den Toten und kehren in veränderter Gestalt zu ihrem Geliebten zurück („Ligeia“). Ebenfalls kann eine Frau durch ihr Ableben Auswirkungen auf die Existenz des augenscheinlich männlichen Lyrischen Ichs und Protagonisten haben. So beispielsweise in einem der wohl bekanntesten lyrischen Werke Poes, dem 1845 veröffentlichten Gedicht „Der Rabe“ (OT: „The Raven“).

Es handelt von einem männlichen Lyrischen Ich, das, dem Schlaf schon nahe, alte Fotografien aus vergangenen Tagen betrachtet. Plötzlich vernimmt er ein Klopfen und glaubt das Geräusch an der Eingangstür auszumachen. Als er die Tür öffnet, ist jedoch niemand zu sehen. „Zweifelnd“ und „wieder seltsam bange“ spricht er nur ein Wort: den Namen seiner verstorbenen Geliebten Leonore. Als er sich abwendet, hört er erneut ein klopfendes Geräusch und glaubt, es komme von dem Fenstergitter. Als er dies ebenfalls öffnet, fliegt ein Rabe von draußen in die Stube hinein und platziert sich auf „der bleichen Pallas Büste über‘m Türsims“. Aus der anfänglichen Unsicherheit des Lyrischen Ichs dem Raben gegenüber wird ein freudiges Empfinden. Auf die Fragen, die das Lyrische Ich dem Tier stellt, antwortet es: „Nimmermehr“ („Nevermore“). Zuerst ist er aufgrund dieser Antwort begeistert und lächelt.

Als er beginnt, den Raben nach einem Wiedersehen mit seiner verstorbenen Geliebten im Paradies zu fragen, antwortet der Vogel erneut mit „Nimmermehr“. Der Protagonist gerät nun in Rage und beginnt das Wesen zu verwünschen und will ihn davon jagen. Doch der Rabe „rührt sich nimmer“. Das Gedicht endet damit, dass die Seele des Mannes „nimmermehr“ aus dem Schatten des Raben auf dem Estrich aufsteigt.

Die Wahl Poes der immer wiederkehrenden Thematik der sterbenden oder toten Frau und dem lebenden Geliebten, der sie beweint, ist auf das ebenfalls von Poe verfassten Essay „Methoden der Komposition“ von 1846 zurückzuführen. Darin heißt es:

„,Welcher ist unter allen melancholischen Gegenständen nach dem allgemeinen menschlichen Verständnis der melancholischste?‘ Der Tod – war die naheliegende Antwort. ,Und wann‘, fragte ich mich, ,ist dieser melancholischste Gegenstand am dichterischsten?‘ […] ,Wenn er sich aufs innigste mit der Schönheit verbindet; der Tod einer schönen Frau ist also fraglos der dichterischste Gegenstand auf Erden – und ebenso zweifellos ist der geeignetste Mund für einen solchen Gegenstand der eines Liebenden, der die Geliebte durch den Tod verlor.‘“

Poe spricht in diesem Essay aus eigener Erfahrung. Bis zu diesem Zeitpunkt verlor er bereits drei geliebte Frauen in seinem Leben: seine leibliche Mutter, die englische Schauspielerin Elizabeth Arnold Poe (1811), seine Ziehmutter Frances Allan (1829) und seine Cousine und Ehefrau Virginia Clemm (1847). Ob „The Raven“ nun eine Aufarbeitung seines eigenen Verlustes und vom Schicksal gebeutelten Leben darstellt, unterliegt der Interpretation jedes Lesers. Aber es erscheint relativ unzweifelhaft, dass dieser Verlust als Inspirationsquelle dienen könnte.

Ich persönlich kenne das Gedicht über den Raben seit dem ich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt bin. Es hat mich von Anfang an berührt: der Mann, der den Verlust seiner geliebten Frau noch nicht überwunden hat und, vermutlich aus Einsamkeit, mit dem herein geflogenen Raben spricht. Er legt seine ganze Hoffnung in das mystische Wesen, das ihm verraten soll, ob er seine Leonore wiedersehen wird. Die Resignation und die Wut über das erneute „Nimmermehr“ lässt ihn schließlich zu Grunde gehen. Noch bis heute lese oder höre ich es immer wieder und es hat über die Jahre nicht an Kraft verloren.

 

(Bildquelle: http://www.artpassions.net/cgi-bin/dore_image.pl?../galleries/dore/raven/raven20_nepenthe.jpg)

About Poes Rabe

Was schreibt denn da als Redakteurin für Dark News über Literatur, elektronische Musik und Konzerte? Es handelt sich dabei um Poes Rabe, der, anders als erwartet, weiblich, hellhäutig und mit rotem Hauptgefieder gekrönt ist. Namentlich ist dieses Exemplar als Saskia Schäfer bekannt. Das 1990 geborene Rabentier ist Studentin an der Philipps-Universität in Marburg und besucht ebenfalls die Deutsche POP Akademie in Frankfurt am Main.

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