Fäulnis

Fäulnis – Interview

Fäulnis
Fäulnis

Neben interessanten Veröffentlichungen jenseits tumber/finsterer Selbstverstümmlung darf Fäulnis sich als eines der ambitioniertesten Projekte schwermütigen Metals betrachten.

Grund genug für uns ein paar Fragen zur bald kompletten Trilogie „Verfall eines Individuums“ und der Verfilmung des Stückes Letharg zu stellen.



Schwarze-News: Welche Tatsache führte dich dazu Musik zu machen und was inspiriert dich?

Seuche: „Musik“ mache ich mehr oder weniger seit 12 Jahren. Ich behaupte
allerdings nicht, ein ansatzweise guter Musiker zu sein, im Gegenteil.
Jedoch ist Musik ein sehr intensives Ausdrucksmittel, seinen Emotionen
freien Lauf zu lassen und diese in einem künstlerischen Gewand der Welt
zugänglich zu machen. Inspiriert werde ich von meiner unmittelbaren
Umgebung, meiner Vergangenheit, verschiedenen Erfahrungen, Fehlern und
so weiter. Mit FÄULNIS habe ich 2003 begonnen, um mit meinen bis zu dem
Zeitpunkt angesammelten Spannungen anders fertig zu werden, als mich
permanent wegzuschießen. Das Ergebnis war „Cholerik“, ein emotional sehr
stürmischer, intuitiver und sicher recht rumpeliger erster Gehversuch.
Daraus wurde die Idee geboren, eine Trilogie zu erschaffen, die zur Zeit
in „Gehirn zwischen Wahn und Sinn“ ihren zweiten Teil erreicht. Dieses
Mal geht es viel gegenwärtiger zur Sache, kein Rückblick, kaum
Aufarbeitung, sondern der alltägliche Wahnsinn, der mir den Stoff zum
komponieren liefert.
Während mir bei „Cholerik“ immer der Blick zurück genug Inspiration
gegeben hat, reicht es heute, mich auf ein Häuserdach zu stellen, auf
die Stadt zu blicken, reichen meine eigenen vier Wände, lange Korridore,
alte Fahrstühle und Beton.

Schwarze-News: Welche Bands favorisierst du privat?

Fäulnis
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Seuche: Das ist sehr stimmungsabhängig. Und meine Fresse, ich hab einen ganzen
Sack voll Stimmungen. Zur Zeit wären das in willkürlicher Reihenfolge
Calabrese, Shadow Reichenstein, Thee Flanders, alles von und mit Jens
Rachut
(Blumen am Arsch der Hölle etc.), Element of Crime, Turbostaat
(wobei mich das neue Album enttäuscht hat), Ambient-/ Doom-/ Drone-Kram
und so weiter… Beste Neuentdeckung dieses Jahr waren Esoteric und vor
allem Skepicism, in punkto Namedropping (danke Fenriz, haha) wären
definitiv Ophis zu nennen, die ein sehr starkes Debut abgeliefert haben.

Allzeitfavoriten sind und bleiben wohl, aus verschiedensten Gründen und
untereinander doch recht unzusamenhängend Angizia, Katatonia und
Bethlehem. Ich könnte jetzt zu allen drei Bands eine lange Geschichte
erzählen, aber das würde den Rahmen sprengen.

Wenn ich Black Metal höre, und ich vermute einfach mal, darauf zielte
Deine Frage ab, höre ich meist nur noch, was ich mir zwischen Mitte der
90er und um die Jahrtausendwende rum zugelegt habe. So ausgelutscht es
klingt, aber wenn ich darüber nachdenke, waren es die letzten Jahre
praktisch keine Black Metal Alben, die bei mir diese gewisse
überschäumende Euphorie ausgelöst haben. Es kommen immer noch wirklich
gute Alben raus, aber vielleicht hat es auch mit diversen
Jugenderinnerungen und vielen verinnerlichten Assoziationen zu tun, dass
das Empfinden in Bezug auf diese Musik bei mir etwas abgestumpft ist.
Gerade die derzeitigen ‚Hypes‘ berühren mich absolut nicht. Habe gerade
mal wieder zum Beispiel die „Dawn of the dying sun“ von Hades gehört,
sehr gutes Album. Oder Forgotten Woods.. Oder Arckanum
Unmöglich zu beantwortende Frage, wenn keine Musik läuft werde ich
wahnsinnig. Nächste Frage bitte!

Fäulnis 001
Fäulnis

Schwarze-News: Eine merkwürdige und schwierige Frage, aber wie denkst du über die Welt?

Seuche: Es ist angenehm, nicht in einem der vielen Krisengebiete zu leben und
jeden Tag was auf dem Teller zu haben. Darüber hinaus konzentriere ich
mich nur auf mein unmittelbares Umfeld, das ist komplex genug.

Schwarze-News: Ordnest du deine Musik ins Genre (Depressive) Black Metal ein und wie
glaubst du, unterscheidet sie sich von den doch recht vielen anderen
Gruppen des Genres?

Seuche: Dieser DSBM, wie man das wohl nennt, ist ja mittlerweile ein recht
etablierter Begriff und, wie kann es auch anders sein,
konventionsbelastet, wie alles andere im BM auch. Es ist wohl eher so,
dass FÄULNIS längst dieser Gruppe zugeordnet wird, als dass ich da
irgend einen Einfluss drauf habe.. Ich weiß nur, dass irgendein Webzine
damals zur Letharg-Veröffentlichung was von Suicidal Black Metal
schrieb. Mir ist es letztendlich egal, welche Schublade man braucht, um
FÄULNIS zu kategorisieren. Nur ist es dann halt für die ganzen
Schnibbelkiddies ziemlich enttäuschend, wenn sie meine Musik hören und
es eigentlich gar nicht entscheidend (!) um Selbstmord, Rasierklingen
und nasse Unterhosen geht.

Also über die Frage, ob FÄULNIS jetzt Black Metal ist oder nicht, habe
ich mir schon lange keine Gedanken mehr gemacht und weiche einer
speziellen Kategorisierung auch gerne aus. Grundlagen sind praktisch,
Mauern viel zu stressig… Es war ja sogar eine Zeit unheimlich ‚in‘,
sich durch Distanzierung vom Black Metal abzuheben. Außer Armagedda hat
dies aber niemand wirklich gut auszudrücken gewusst.

Wenn Depressive Black Metal bedeutet, den Silencer-„Gesang“ zu imitieren
und musikalisch möglichst höhenlastig eine Waschmaschine zu covern,
unterscheidet sich meine Musik wohl schon vom ganzen Rest. Ich kenne
mich da auch nicht gut aus, ich hab mir mal versuchsweise ein paar
Sachen angehört, die allseits so hochgejubelt werden, konnte damit aber
durch die Reihe nichts anfangen. In diesem Zusammenhang erwähne ich aber
Neithan mal positiv, denn musikalisches Können hat schon seine Vorteile.

Ach so, um Deine Frage mal aus einem etwas arroganteren Blickwinkel zu
beleuchten: Sollte es so sein, dass FÄULNIS so etwas wie DSBM ist,
behaupte ich einfach mal, rein inhaltlich wesentlich glaubhafter zu
Werke zu gehen. Aber wer will schon die Realität, wenn romantisiertes
Selbstzerstückeln (oh Mann) viel cooler ist?

Schwarze-News: War es problematisch die Kommando Thanatos EP zu verwirklichen? Sie
diente ja als inhaltliche Fortführung von Letharg?

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Seuche: Ja, „Kommando Thanatos“ ist mir bis heute ein fast schon unliebsames
Thema, weil ich von Anfang an nur Probleme mit der Realisierung hatte.
Das fing schon an mit der Unzufriedenheit beim Komponieren. Es ist viel
schwieriger, mit zwei kurzen Stücken etwas zu realisieren, wofür man
sonst ein ganzes Album Zeit hat. Idiotischerweise stand am Anfang die
Idee einer EP und nicht die Stücke selbst, so dass ich mich von Anfang
an unter erheblichen Druck gesetzt habe.
Weiter ging es nach über einem Jahr mit den Aufnahmen. Um es kurz zu
machen, der Sound entspricht nicht dem, was ich mir erhofft habe. Ich
bin allerdings ausgesprochen ungeduldig, so dass ich nach über einem
Jahr keinen Nerv mehr hatte, noch weiter an den beiden Stücken zu
arbeiten. Zu guter Letzt musste ich mir kurzfristig ein neues Label für
die EP suchen. Irgendwann hatte ich dann die Schnauze voll, habe schon
gar nicht mehr groß verhandelt, Coverartwork und Aufnahmen selbst
gezahlt, hauptsache, die EP endlich veröffentlichen zu können. Dank geht
hier an Eternity Rec. und Fog of the Apocalypse, die sich um den
Vertrieb kümmern. Von dem eigentlichen ‚Label‘ habe ich nachher nichts
mehr gehört, was solls…
Als ich die EP endlich in den Händen halten konnte, war ich schon sehr
erleichtert und seit ich die Stücke dann endlich auf Vinyl hören konnte,
ich ich auch zufrieden mit dem Ergebnis

Schwarze-News: Kam die Idee zur Kommando Thanatos als Weiterführung erst später oder
war sie schon früher präsent?

Seuche: Die Idee zu ‚Thanatos I‘ kam mir im Rahmen des
Metallkatharsis-Gespräches mit EHST. Bruchstückhafte Ideen hatte ich
vorher schon im Kopf, aber während des Beantwortens seiner Fragen
festigte sich erst das thematische Ziel beider Stücke. Während ‚Thanatos
II: …nicht in Eurer Welt“
eines dieser Stücke war, die an einem Tag
fertig waren, hatte ich für „Thanatos I: Kommando Thanatos“ zwar schon
den Text, aber es brauchte gut 4-5 Anläufe, bis ich die Musik im Kasten
hatte. Die verworfenen Ideen waren, und das ist das verrückte,
keinesfalls schlecht, aber sie passten einfach nicht. Das meinte ich mit
dem „Druck“.

Vielleicht bringe ich zeitlich auch was durcheinander, ist schon so
lange her. Festzuhalten bleibt, die Fortführung, bzw. „Beendigung der
Kernaussage“, wie ich es etwas hochgestochen formulierte, war mir
einfach wichtig, weil ich erkannte, dass mit „Letharg“ zwar alles gesagt
wurde, ich aber dieses endgültige „Statement“ brauchte, um mich nicht
weiter mit dieser Thematik beschäftigen zu müssen. Gemeint ist das, was
von so vielen als der FÄULNIS´sche Suizid-Kontent gewertet wird, aber
gar nicht so sehr den eigenen Tod, sondern vielmehr das ‚richtige‘ Leben
sucht.

Schwarze-News: Wie kam es zur Idee für den Letharg-Film?

Seuche: Niko von Harddrive, ein guter Freund seit nunmehr 10 Jahren, rief an und
fragte mich, was ich von einer Verfilmung halten würde. Ich sagte
spontan zu und auf den spontanen Vorschlag folgten schon wenige Wochen
später handfeste Planungen.

Schwarze-News: Hast du nur den Song auf dem der Film basiert zugesteuert oder auch
anderweitig mitgewirkt?

Seuche: Ich war am Drehbuch beteiligt und hatte im Endeffekt die oberste
Entscheidungsgewalt. Diese musste allerdings kaum eingesetzt werden, da
sich alle Beteiligten ausgesprochen intensiv in die Arbeit rein gekniet
haben. Ich meine, schon zwei Wochen nach dem ersten Telefonat und einer
groben Besprechung, in der wir unsere Vorstellungen abgeglichen haben,
hatte ich einen ersten Drehbuchentwurf auf dem Tisch. Mir war nur
wichtig, dass das Ergebnis für mich 100%ig vertretbar ist, konnte mich
aber fortwährend auf Bjarne und Niko verlassen.
Außerdem bin ich zwei Mal während des Filmes kurz zu sehen, aber das hat
auch gereicht…

Schwarze-News: Bist du zufrieden mit dem Ergebnis des Films?

Seuche: Ja, sehr! Kleinigkeiten gibt es wahrscheinlich immer, die einem im
nachhinein ins Auge stoßen, grundsätzlich bin ich aber mit der nun
fertig gestellten DVD sehr zufrieden. Nicht zuletzt deswegen, weil wir
mit dem Schauspieler Stephan Lenze Glück gehabt haben.

Schwarze-News: Wird es vielleicht bald einen weiteren Film zu einem deiner Lieder geben?

Seuche: Ideen hat man viele, was sich aber umsetzen lässt, bleibt die Frage…

Schwarze-News: Bald erscheint ja deine neue CD „Gehirn zwischen Wahn und Sinn“, was
erwartet uns dabei?

Seuche: Eine Stunde Sick Black Art, eine Reise durch den alltäglichen Wahnsinn.
Ich will im Vorfeld nicht schon irgendwelche Erwartungen erwecken oder
zerstören, also verweise ich auf den ersten, aber wahrscheinlich, wie es
denn immer so ist, nicht letzten geplanten VÖ-Termin im Frühjahr 2009.
Wer die Bonusstücke des „Cholerik“-ReReleases kennt, hat schon einmal
einen kleinen Hinweis, wie es weitergehen wird. Es werden an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit acht Stücke vertreten sein, mit einer
Gesamtspielzeit von einer Stunde und ausschließlich deutsche, wesentlich
direktere Texte, als in der Vergangenheit. Außerdem sind wir jetzt zu
dritt, mit P.H. Habe ich einen sehr talentierten Basser in die eigenen
Reihen stellen können.


Schwarze-News: Sind noch andere Veröffentlichungen oder Ideen geplant?

Seuche: Geplant sind die Split-EP mit Aschefall, die nach einer Ewigkeit endlich
was Neues, nebenbei bemerkt, sehr starkes, aufgenommen haben.

Außerdem folgt 2009 „Endstation“, der dritte und letzte Teil der
Trilogie um „den Verfall eines Individuums“. Auf diesem Album werden
neben dem synthetischen Titelstück der ein oder andere Bonus vertreten
sein und ein paar Interpretationen meines Schaffens von befreundeten
Musikern. Das ganze werde ich kostenlos als Download, mit Cover etc. zur
Verfügung stellen und damit vorerst FÄULNIS auf Eis legen. Seit nun gut
5 Jahren beschäftige ich mich mit diesem einen Konzept. Ob es irgendwann
weiter geht, weiß ich nicht. Ein paar Ideen gibt es bereits, aber ob
diese unter dem Namen FÄULNIS realisiert werden, weiß ich noch nicht.

Schwarze-News: Wann kann man Fäulnis mal auf der Bühne sehen?

Seuche: Wenn ich jetzt sage, dass ich nie auftreten werde mit FÄULNIS,
wiederhole ich das, was ich auf die mir wohl am häufigsten gestellte
Frage in diesem Zusammenhang antworte. Aber vielleicht gerade wegen
dieser häufigen Nachfragen geisterte die Idee immer mal wieder durch
meinen Kopf. Es gäbe sogar schon ein Line-up, allerdings steht dem
ganzen immer noch die Frage vor, „warum“?

Aber um Deine Frage so offen wie möglich zu beantworten: Nicht in
absehbarer Zeit…

Schwarze-News: Möchtest du den Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Seuche: Danke für´s lesen! Dank denen, die FÄULNIS unterstützen, Dank denen, die
durch permanentes Geblubber immer wieder die Aufmerksam auf mein kleines
Projekt lenken.


Links: www.sickblackart.de


Kontakt/Durchführung: Johannes „Kettenhund“ Buß


Wir möchten uns nochmals herzlich für das Interview bedanken.



About Kettenhund

Mir wurde hier erlaubt meine bescheidene Meinung über Musik zu äussern, dieses geniesse ich auch freudestrahlend und ich vollsten Zügen. Ich bin 22 Jahre jung und lebe im schönen Emsland in einem abgeschiedenen und weltfremden Dorf das ich hier nicht näher beschreiben muss.

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  • Iskharian

    Der Mann nimmt kein Blatt vor den Mund und hat absolut Recht in dem, was er sagt. Das Interview ist wirklich aufschlussreich und zeigt, dass Seuche ein sehr offener Mensch ist, der sich keine lästige Szenendogmen aufzwingen läßt.

  • Zigauner

    Sehr geiles Interview Kette <3, und sehr schön und ausführlich von ihm beantwortet.