Helrunar - Sól

Helrunar – Sól (Review und Kritik)

Helrunar - Sól

Wenn Helrunar von sich hören lassen, lauscht die deutsche Metal-Szene mit gespitzten Ohren. Das Münsteraner Trio zählt zu dem Besten, was sich das Pagan-/Black-Metal nennt. Und Gutes braucht seine Zeit, spricht nicht nur der Volksmund. Was die Band anfängt, das bringt sie sorgfältig und gewissenhaft zu Ende, wenn man Skald Draugir’s Aussagen in Interviews glauben kann. Nun liegt eigentlich nur ein Jahr zwischen der Veröffentlichung des letzten Silberlings, aber das Re-Release von Grátr und die Produktion einer Live-DVD füllten die Musiker wohl nicht aus. Sie haben sich vielmehr selbst schon wieder übertroffen und ein knapp 100-minütiges Konzept-Doppelalbum namens Sól fertiggestellt.

Dieses Mammutwerk teilt sich in zwei Bereiche, zumindest thematisch:

Sól I – Der Dorn im Nebel“ befasst sich mit Konflikten und Problemen des Einzelnen für sich, bei

Sól II – Die Zweige der Erinnerung“ ist dagegen der Schwerpunkt eher auf den sozialkritischen Gedanken eines oder mehrerer Individuen gegen die Masse.

Der Song „Rattenkönig“ ist ein Musterbeispiel für dieses Konzept und besitzt zudem alles, was Helrunar ausmacht.  Angemessenes, nicht „voll auf die Zwölf“-Drumming (Alsvartr weiß wirklich gut was er da tut), ein tonnenschweres Bassfundament, und darüber gestochen scharfe, angenehm klar klingende Gitarrenparts. Die absolute Krönung ist dann Skald’s Stimme,  die seine von Kenningar strotzenden Texte mit einer misanthropisch-depressiv angehauchten Anmut vorträgt.

Sól I beginnt mit dem Monolog „Gefrierpunkt“, sehr schön mit der Feldaufnahme einer Tropfsteinhöhle, Grotte oder Ähnlichem unterlegt. Das Grollen und Tropfen im Hintergrund stellt einem die Nackenhaare auf, und mit dem letzten Wort – Dorn – wird nicht nur klar, warum dieser Albumteil so heißt, sondern es wird auch ein Dorn auf uns geschossen. Nochmal härter und direkter produziert als Baldr Ok Iss und die neu aufgelegte Demo, fliegen uns hier steinharte Tieftongewitter in Kombination mit Discordius’s Akkordfolgen um die Ohren.

Allerdings wissen Helrunar ja durchaus, wie man einen vielfältigen Song arrangiert, vor allem, wenn dieser fast 8 Minuten lang ist. So wechselt eigentlich alles, was man sich wünschen kann, von Tempo über Dynamik bis zum Reimschema, kontinuierlich. Am Ende von „Kollapsar“ wird man das erste Mal mit Skald’s Tagebucherzählungen konfrontiert. Anhänger von Zahlensymbolik mögen sich bitte einen Reim auf die Tage der Aufzeichnungen machen: 1, 43, 92, 243, 184 .

„Tiefer als der Tag“ ist ein wenig weiter hinten auf Sól I platziert, wartet aber als besonderes Schmankerl mit einem Mittelteil von Akustikgitarre und Erzählung auf. Spannungsbögen krümmen sich hier so stark, dass sie am liebsten gleich zerbersten mögen, und zum „Ende 1.3“ (spielt möglicherweise auf die dritte Eiszeit an) knallen Helrunar dem geneigten Hörer nochmal alles vor den Latz, was die Instrumente hergeben. Das Ganze hört auf, wie es begann: mit Geplätscher und Geschichten, ein rundum gelungenes Konzeptwerk bis hierhin.

Helrunar

Vom Nebel kommen wir in Sól II zu einem Eissturm, oder zumindest einem rauen Wind, der uns bei „Europa nach dem Eis“ den Rauhreif um die Nasen weht. Der Übergang zum „Aschevolk“ gestaltet sich wesentlich schwerlastiger als vorher, fällt nach einiger Zeit aber ins selbe Schema wie Sól I, was nicht unbedingt negativ ist. Wer sich mit den Texten auseinandersetzt, wird merken, dass die Musik sich perfekt an Skald’s Dichtung anpasst – sprichwörtlich wie die Faust auf’s Auge, wenn draufgehauen wird, setzt auch Herr Draugir zu hasserfüllten Höhenflügen an.

„Die Mühle“ und „Moorgänger“ warten mit ein paar neuen Harmonien auf, ansonsten bleibt hier aber melodisch alles im dunklen Bereich, nicht dass noch jemand dazu fröhlich mitsingt! Textlich tut sich hier abgesehen vom oben angesprochenen Themenwechsel nicht viel, aber dazu sieht man bei solchen lyrischen Kunstwerken auch gar keinen Bedarf. Den Beweis dafür tritt „Lichtmess“ an, im Hintergrund plätschert inzwischen ein Bach (der Tropfen ist wohl durch die Sonne stärker geworden), und man berichtet uns über Härte und Biegsamkeit.

Absoluter Höhepunkt des zweiten Albumteils ist für mich das fünfminütige Gitarrensolo, von dem sich andere selbsternannte Gitarrengötter gut und gern drei Scheiben in Sachen Atmosphäre und Liedfluss abschneiden können. Was da aus der Anlage kommt, ist reinster Balsam für die Ohren…

Fazit:

Um jetzt nicht in Lobeshymnen über jeden einzelnen Song zu versinken, lässt sich wohl am Besten sagen, dass Helrunar hier wieder einmal eine Extraportion clever gemachten und äußerst gehalt- und anspruchsvollen Metal geschafft haben!

Man sollte sich daher auch wirklich Zeit nehmen, das Album vier oder fünf mal durchzuhören, bevor man sich überhaupt ein richtiges Urteil bildet. Aber es ist ja durchaus Gang und Gebe bei den Münsteranern, dass sich deren Material langsam, dafür aber umso dauerhafter in die Gehörgänge fräst. Das richtige Wetter für die Musik ist schon vorhanden, aber die Hörer werden bei diesem Meisterwerk auch bald zahlreich sein, alles in allem eine nochmalige Steigerung und für mich eines der besten Alben 2010!

Tracklist – Sól I – Der Dorn im Nebel:

  1. Gefriepunkt
  2. Kollapsar
  3. Unter dem Gletscher
  4. Nebelspinne
  5. Praeludium Eclipsis
  6. Tiefer als der Tag
  7. Nur Fragmente…
  8. Ende 1.3

Tracklist Sól II – Die Zweige der Erinnerung:

  1. Europa nach dem Eis
  2. Aschevolk
  3. Die Mühle
  4. Rattenkönig
  5. Moorgänger
  6. Lichtmess
  7. Sól

Sehr gut: 9/10

Erscheinungstermin:

07. Januar 2011

Links:

http://www.myspace.com/helrunarhorde

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