Im Interview fetisch:Mensch

Oswald Henke und Tim Hofmann, beides Namen die sicher nicht mehr aus unserer Musikwelt wegzudenken sind, arbeiten an einem gemeinsamen Projekt das sich Fetisch:Mensch nennt.

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Um mehr über die Hintergründe der Band zu erfahren, habe ich Tim in Interview gehabt.
Hier nun exklusiv für euch:

Wie seid ihr auf den Namen fetisch:MENSCH gekommen? Was hat der Name für einen Hintergrund?

Ein Fetisch ist ein seelenloser Gegenstand, der vollkommen überhöht wird – andererseits für seinen Anhänger unverzichtbar geworden ist. Zwar ist der Gegenstand selbst per se quasi wertlos, er gewinnt jedoch seine große Bedeutung durch diese subjektive Wichtigkeit. So gesehen ist der Mensch der Fetisch des Menschen: Als Bestandteil des Universums ist der Mensch völlig bedeutungslos – nicht aber für uns Menschen selbst. Wir überhöhen uns für uns selbst und klammern uns an diese selbst gemachte Bedeutung. Das birgt gleichermaßen große Chancen und Risiken. Die Idee zu dem Name kann spontan aus einem schmerzlichen privaten Hintergrund. Die Bedeutung hat uns aber sehr gut gefallen.

Ja, ist in der Tat auch sehr aussagekräftig.

Ich mag simple Namen, bei denen man in der Tiefe mehr und mehr finden kann 😉

Ist ja auch sehr viel interessanter.
Wie lange gibt es euch genau und wie habt ihr euch gefunden?

Die Band ist 2004 aus den Trümmern der aufgelösten Gruppen Erblast und Artwork entstanden. Beide Bands hatten 2003 gemeinsam ihre letzte Tournee gegeben und eine Split-CD veröffentlicht. Oswald und ich waren von Erblast übrig, Jochen Schobert von Artwork. Also haben wir uns zusammengetan. fetisch:MENSCH war von Anfang an nicht als herkömmliche Band ausgelegt. Ursprünglich sollte es nur Livekonzerte geben. Das haben wir sogar ein paar Jahre durchgehalten, die Verweigerung von Tonträgern und Aufnahmen 😉

Eine ganz andere Frage: Du hattest über den Niedergang der Gothic Szene einen sehr ausführlichen Text geschrieben, der einigen hier bei Dark News aus der Seele gesprochen hat. Wenn du drei Dinge ändern könntest an der Szene, welche wären das und warum?

Ich finde das ist der falsche Ansatz. Ich will mir die Szene ja nicht „zurechtbiegen“. So etwas muss organisch wachsen, sonst hat es keinen Wert.
Es gab und gibt immer einzelne Dinge die mich persönlich gestört haben. Das kennt sicher jeder. Aber es geht ja nicht darum, so etwas zu vertreiben, selbst wenn es einen ärgert. Man hat sich im Lauf der Zeit über sehr viele Dinge geärgert, gerade weil einem die Szene wichtig war und ist. Am Ende kann man nur abwarten wie sie sich entwickelt – und ob sie dann noch Heimat ist.
Man benötigt die Szene ja nicht, um heutzutage gute Musik zu finden. Am Ende will man ja nur gute Musik hören und guten Gedankenaustausch haben. Das findet man auch anderswo. Ich fand es eben nur schön, das in der Gothic-Szene zu haben. Aber vielleicht haben alle Dinge ihre Zeit.
Eines hätte ich aber vielleicht doch geändert: Die Kritiklosigkeit. Ich glaube, das hat am Ende alles kaputtgemacht. Es wäre schön gewesen, hätte man irgendwie Diskurs zünden können wie es ihn ja im Metal oder Hip-Hop, überall eigentlich gibt. Das wirkt von außen sicher oft etwas übertrieben wenn die Wogen hoch schlagen an Dingen, die nur Szene-Insider verstehen. Aber am Ende sind diese Wogen Ausdruck der Leidenschaft.
Im Gothic gab es das nur sehr selten. Leider sind solche Debatten meist mit dem Argument, man müsse doch tolerant sein und jedem alles lassen, im Keim erstickt worden.
Kunst lebt aber von Reibung und Diskurs.

Ja, da hast du recht ich hatte auch das Gefühl das da doch oft heile heile Welt vorgespielt wird.

Streit ist eine gute Sache, wenn er gekonnt geführt wird. Dann kann er sehr fruchtbar sein.

Genauso wie Kritik … es muss nicht negativ behaftet sein.

Warum denn nicht?

Natürlich benennt Kritik erst mal was Negatives, aus dem man aber Positives zieht und dadurch weiterkommt.

Kritik ist doch erst einmal nur, Reibungspunkte zu benennen… Wenn man das nicht will, ist man schnell bei der „heilen Welt“
Und es gibt jede Menge Reibungspunkte bei sehr, sehr vielen Bands. Magazinen. Veranstaltungsreihen…

Da hast du recht, aber irgendwie werden diese oft übergangen.

Ich denke, wenn einer Band mal ein Album so richtig um die Ohren fliegt, merkt sie auch wo der Wind weht. Dann kann sie bewusst die Segel drehen – oder auch gerade auf Kurs bleiben. Es erfordert aber eine Entscheidung, ein bewusstes Eingreifen. Wenn immer alles irgendwie gut ist, fängt man irgendwann an alles eben auch irgendwie zu machen…
Ich hätte gern mal richtige Kritik zu fetisch:MENSCH. Es gab aber immer nur dieses typisch halbseiden-nichtssagende Lob. Es war immer alles „wundervoll“.
Teilweise wurden in Konzertkritiken sogar Lieder gelobt, die wir gar nicht gespielt hatten. Mit „wundervoll“ zu loben ist immer sehr leicht. Mir ist klar, dass diese Kritik jetzt unfair die Menschen trifft, die das wirklich exakt so gemeint haben. Hinter diesem Menschen aber verstecken sich die „Halbseidenen“. Was sehr schade ist, wie es die Aufrichtigen in Mitleidenschaft zieht.

Das geht sehr leicht über die Lippen. ich habe mich noch nie gescheut, das was ich denke, zu sagen. Ich glaube, genau die, die es ehrlich gemeint haben, werden sich nicht angesprochen fühlen, eben genau weil sie es ehrlich meinten.

Es soll auf keinen Fall ein Vorwurf an einzelne Menschen persönlich sein. Der Einzelne kann immer so sein und es ist insgesamt okay. So wie es ja auch kein Problem ist wenn es in einer Szene auch weniger spannende Bands gibt. Es darf nur nicht Usus werden. Es braucht zum Beispiel Journalisten, die auch mal unbequem querschießen. DAS fehlt!

Aber grade diese Journalisten fordern einen. geben einem Input was man anders machen kann… spornen an
War das auch ein Grund wieso ihr eigentlich keine Alben aufnehmen wolltet? eben wegen dieser *ja man kann’s fast Gleichgültigkeit nennen *

Nein, denn es gab ja immer Fans, denen die Musik nicht gleichgültig war. Dass das eventuell wenige sind ist wirklich unerheblich, solange man spürt dass es Menschen gibt, die es sehr berührt. Wir wollten vor allem mitten in der Download- und Schwarzbrenner-Debatte mal etwas Neues ausprobieren. Die Musik sollte in ihrer ursprünglichen Flüchtigkeit als Wert erkannt werden und eben nicht als jederzeit verfügbare Klangtapete. Da hatten wir allerdings wohl ein paar Denkfehler 😉

Ich finde den Ansatz allerdings gut nur glaube ich ist er heutzutage nicht mehr realisierbar auf Dauer.
Seid ihr dann auch mit gemischten Gefühlen an eure erste Cd / Album rangegangen?

Nein, so schlimm war es nicht. Wir haben gemerkt, dass es nicht fair ist, mit dieser Strategie ausgerechnet jenen Menschen, die uns wirklich mochten, eben auch die Verfügbarkeit unserer Musik zu verweigern. Damit trifft man letztlich die ganz Falschen – und den anderen ist es egal. Wenn es ein paar gemischte Gefühle gab, dann waren die aber nur strategischer Natur, so nach dem Motto, ob man nun seine Glaubwürdigkeit verliert weil man quasi gegen ein Image verstößt. Aber das ist Unsinn, das hat uns keine schlaflosen Nächte bereitet. Wir haben einfach einen Versuch beendet, als er nicht mehr gut war.1011635_611578192219648_1134670391_n

Gute Einstellung.
Was bedeutet denn für dich Musik?
Welchen Stellenwert hat sie in deinem Leben?
Ist schon eine Art Droge. Eine Möglichkeit, Dinge aus dem Kopf zu bekommen. Hässliches auf erträgliche Weise auszudrücken. Gemalt wären unsere Songs eine inhaltliche Zumutung, und der Effekt würde sich abgreifen.

Woher nimmst du deine Inspirationen?

Einerseits ist da musikalisches Grundmaterial, das man quasi so nerdig auf die Festplatte stapelt. Besondere Sounds, bestimmte Harmonien, Melodien. Die nimmt man auch von anderswo, weil einen eine bestimmte Herangehensweise beeindruckt oder ein Regelbruch. Man erfreut sich an Details, wenn etwa irgendwer einen gewagten Basslauf setzt und versucht es mal auf ähnliche Weise. Und dann gibt das Leben immer wieder emotionale Impulse, die man dann in Musik ausdrücken will. Muss. Dazu setzt man dann Lieder aus den eingangs genannten „Legoteilen“ zusammen. Oder aber, es überfällt einen alles insgesamt spontan. Dann ist plötzlich ein Stück fertig und man weiß nicht warum. Das Verrückte bei uns ist nur, dass Oswald und ich eigentlich fast ausschließlich ohne größeren Austauschens nebeneinander her Ideen sammeln. Und dann trifft man sich – und es passt sehr oft, so als hätte man sich abgesprochen. Das sind die besten Momente.

Das glaube ich gerne. Ich habe allerdings auch etwas das Gefühl, dass ihr euch recht ähnlich seid – oder täuscht das?

Das täuscht in vielerlei Hinsicht. Aber es gibt eben diese sehr ausschlaggebenden strategischen Punkte der Symbiose. Und das macht es umso besser. Niemand muss doppelt auf der Welt sein 😉

Ohja das hast du recht 😉
Zum Schluss …. möchtest du euren Fans noch ein paar Zeilen hierlassen?

Ich möchte eher mal wissen was Ihr von den Stücken der EP haltet 😉

Ich ? oder eure Fans ?

DU 😉
(gern auch von anderen Fans… 😉 )

Okay … also „Damalskinder“ gefällt mir vom Sound her sehr gut … ist halt genau das, was mich anspricht. Allerdings mag ich die Art der Stimme nicht in den Strophen… die hat für mich so einen Touch von angst machen.
„Ich bin übrig“… vom Sound her gibt es einzelne töne die unwahrscheinlich das Gefühl ansprechen. kann das gar nicht so richtig einordnen … die Stimme ist extrem gefühlübermittelnd in dem Lied … was ich nicht so mag ist das Video da würden mir spontan andere Bilder in den Kopf kommen 😉

Angst machen?

Ja irgendwie macht die Stimme mir etwas Bang, Angst ist glaube zu viel gesagt.

Das ist aber doch cool? 😉
Das Video… naja, ist sicher kein großer Wurf. Es sollte nur etwas sein um bei YouTube präsent zu sein. Ich fand nur die Parallele mit den bedrohlichen Spielsachen gut…
Aber das Problem mit den „falschen“ Bildern hat am Ende jedes Video… ich finde das Medium eher fragwürdig

Ich denke da hat jeder eine andere Vorstellung. Jeder hat zu den Worten ein anderes Kopfkino.

Eben!

Eben deshalb hatte ich andere im Kopf 😉

Umso besser 😉

Auf jeden Fall regt eure Musik sehr zum Nachdenken an.

Die Musik oder die Texte?

In erster Linie natürlich die Texte .. aber auch die Musik … okay ich bin ein Mensch der unwahrscheinlich auf Musik reagiert …
Mich regt beides an.

Das freut mich 😉

Ich hab das Glück das ich mich in der Musik vollkommen fallen lassen kann… umso kritischer bin ich auch allerdings ^^.

Das liegt dann in der Natur der Sache.

Das denk ich auch.

Soderle… ich danke dir nun ganz lieb und freue mich dass es noch geklappt hat.

Kein Problem und Danke für Deine Geduld!

Ein sehr interessantes unnd tolles Interview, vielen lieben Dank an Tim.

Wir von der Redaktion wünsch euch weiterhin viel Erfolg und das ihr auf eurem Weg bleib, denn der ist der Richtige.

About >puregatory<

Ich bin ein Mensch für den Musik eine wichtige Rolle im Leben spielt.... wie heisst es so schön ... da wo Worte nicht mehr weiter wissen, setzt die Musik ein .. da ist was wahres dran. Ich schreibe gerne , lese, fotographiere. Schreibe selber Gedichte und Songtexte für diverse Künstler. Sich weiter zu entwickeln finde ich sehr wichtig , denn ich bin der Meinung still zu stehen macht einen auf Dauer krank. Wer irgendwelche Fragen an mich hat, kann mich gerne kontaktieren.

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