Gothic in Zivil, die Kolumne

Kolumne: Gothic in Zivil

Gruftis leben provokant – sieht man sie auf der Straße, weiß jeder genau was vor einem steht – ein ganz dunkles Wesen. Aber die richtig extremen Szenegänger trifft man eben nur am Wochenende auf der nächsten Veranstaltung an…oder doch nicht? Eine Frage für die dieswöchige Kolumne.

Schubladendenken, wer fürchtet es nicht. Ich kenne genug Vorurteile von Menschen, die einen danach bewerten welche Kleidung man trägt und welche Erscheinung man seiner Umwelt insgesamt bietet. Dieses Problem begegnet einem tagtäglich, vorwiegend im Studium, der Schule oder gar dem Job. Im Studium und auch in meinen letzten Schuljahren hat mich mein Auftreten gegenüber anderen nicht gestört, ganz im Gegenteil, manchmal mag ich es zu provozieren, und das scheinbare „böse“ herauszukehren. Im Job ist das etwas ganz anderes, da ist es eher suboptimal zum Bürojob mit Springerstiefeln und weiß gepudertem Gesicht aufzukreuzen. Das mag vielleicht auch der Grund sein, wieso ich beispielsweise auf meiner Arbeit (es ist nur ein Aushilfsjob neben dem Studium) nur von einer Kollegin gefragt wurde, ob ich denn Musik aus dem Gothic/Metal Bereich höre, was ich natürlich bejaht habe. Ich habe nicht das Bedürfnis mir ein Pentagramm um den Hals zu hängen, den Teufel anzubeten und möglichst „true“ zu wirken, die Kleidung ist nur eine Verpackung, und manchmal muss man einfach von seinen alten Stilgewohnheiten loslassen, um sich einem, beinahe schon liebgewonnenen, Teil der Gesellschaft uneingeschränkt anzupassen.

Auch im Studium haben manche, die sich der Schwarzen Szene zugehörig fühlen, ihre Probleme. Wer kommt bitte in voller Montur zu einer medizinischen mündlichen Prüfung? Wer sorgt bei seinen Dozenten für ein einschlägiges Image, was aufgrund des altbekannten Schubladendenkens die Karriere versauen kann? Ich denke niemand ist so leichtsinnig und verbaut sich mit seiner Leidenschaft seine berufliche Zukunft…und darum ist es auch vollkommen legitim im Semester in Poloshirt in die Universität zu gehen.

Das will jetzt nicht heißen, dass man jeden Tag à la „Gothic Light“ in Bluejeans und weißem Shirt durch die Gegend laufen muss – es meint viel mehr, dass man seiner Umwelt ein angepasstes, also beinahe schon normales Bild von sich,  präsentiert und trotzdem Man-Selbst bleibt. Ja das geht, man kann sich auch anders als in schwarzer Kleidung vor die Haustür wagen und sich trotzdem nicht in ein anderes, langweiliges Wesen verwandeln. Man muss nur wissen wie, mit Einfallsreichtum und einem Hauch von Grufti, mit Erkennungszeichen wie Festivalbändchen, Bandshirts, gefärbten Haaren oder Patches auf der Tasche. Man braucht ganz gewiss keine Angst davor haben, nicht mehr als richtiger Grufti anerkannt zu werden – auf der Arbeit erkennt es ja eh keiner.

Wie ich in meiner ersten Kolumne vom 23.02. geschrieben habe, kommt es aber keineswegs auf irgendwelchen Modeerscheinungen an, sondern auf den Grund, wieso wir uns einer solchen Szene zugehörig fühlen – und das hat ganz bestimmt nicht mit unserem Auftreten in der Öffentlichkeit, sondern mit unserem Denken und unserem Fühlen zu tun. Keiner will in Schubladen gesteckt werden – mit einer möglichen Anpassung an die entsprechenden Gegebenheiten kann man so ein Verhalten von anderen mit Sicherheit vermeiden und sich so auch sicher im Studium oder Job fühlen.

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About Friedi von Murr

Friedi von Murr berichtet jeden 2. Sonntag Abend in ihrer Kolumne über das alltägliche Dasein des Gruftitums. Ansonsten studiert sie im Master Deutsche Literatur an der Philipps-Universität in Marburg.

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