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Kolumne: Schaulaufen Deluxe

Die Festivalsaison rückt immer näher, allen Veranstaltungen voran das WGT in Leipzig – dem Höhepunkt des allgemeinen Grufti-Schaulaufens, auf das sich im jeden Jahr auch viele Stinos trauen, um die extremsten Gothics zu begutachten. Das erinnert doch an jahrmärktliche Freakshows, oder doch nicht? Eine Frage für die dieswöchige Kolumne.

Ein Besuch im Zoo ist doch das schönste, was man an einem sonnigen Samstagnachmittag machen kann – da hat man endlich einmal die Möglichkeit, exotische Tiere hautnah und in Farbe zu erleben. Wem der Zoo zu langweilig geworden ist, fährt einfach am Pfingstwochenende mit seinen Liebsten nach Leipzig, denn da gibt es ja auch immer einige Attraktionen, die nicht nur das Gruftipublikum wie magisch anziehen, sondern auch Familien, die sich, am besten mit der Oma im Gepäck, das Spektakel WGT mal etwas genauer ansehen wollen. Ja, das Wave Gotik Treffen gestaltet sich immer mehr zum Spektakel für Jung und Alt.

Als mein ehemalige, aus Leipzig stammende, Mitbewohnerin sich mit mir über das WGT unterhielt (die übrigens nichts mit der schwarzen Szene am Hut hat), betonte sie vor allem den großen Unterhaltungsfaktor, den sie und ihre Familie, bestehend aus Ehemann und drei Kindern, jedes Jahr genossen haben. So wie sie über das Stadtfestival berichtete, kam mir das Event auf einmal wie eine einzige Freakshow vor – nur eben nicht mit Zyklopen, siamesischen Zwillingen oder Elefantenmenschen. Da zückt man nämlich schon mal die Kamera, um einen Cybergothic oder eine Dame im pompösen Lack-und-Latex-Ballkleid zu knipsen.

Joseph_Carey_MerrickGothic ist in den letzten Jahren nicht nur immer mehr in die Modenische gerückt, sondern wird auch immer extremer und kostspieliger. Da ist es kein Wunder, dass immer mehr Menschen nicht nur der Musik wegen zum WGT fahren (das wäre mit 10 Stunden auf extremen High Heels auch sicherlich irgendwann sehr unbequem) sondern auch, um mit seinem Outfit die Massen zu begeistern und alle Blicke auf sich zu ziehen. Klar, Gothicmode kann schön sein, ist aber zeitgleich auch sehr obskur, also genau das, was die Leute im 19. Jahrhundert so sehr an den Freakshows fasziniert hat. Doch will man zwangsläufig als Freak abgestempelt werden, sich etwa wie ein Tier im Zoo fühlen? Das was für die Einen hier DER Kick ist, ist für Leute wie meine Wenigkeit äußerst unangenehm. Gothic ist doch keine Attraktion, sondern ein Lebensgefühl.

Aller Kritik zum Trotze macht genau dieses Schaulaufen das Thema „Gothic“ immer präsenter in den Köpfen der „einfachen“ Leute. Durch die Präsentation von ausgefallener Mode werden die positiven Klischees über die Szene zwar bestätigt, die negativen aber gleichzeitig auch verdrängt. Gothic erhält seine Daseinsberechtigung in unserer Gesellschaft, und dafür sind modische Wagnisse ein Muss. Festivals wie das WGT bieten der Welt so ziemlich alle Facetten der schwarzen Szene, sei es Steampunk, Punk, Cyber, Endlosromantik oder einfach nur schwarzes Kunterbunt, sie zeigen, dass Gothic mehr ist als nur dunkler Horror.  Auf der Seite von Spontis bin ich auf eine interessante Dokumentation von Ruth Stolzewski gestoßen, in der unter anderem auch dieses Thema behandelt wird. Diese könnt ihr euch untenstehend ansehen.

About Friedi von Murr

Friedi von Murr berichtet jeden 2. Sonntag Abend in ihrer Kolumne über das alltägliche Dasein des Gruftitums. Ansonsten studiert sie im Master Deutsche Literatur an der Philipps-Universität in Marburg.

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  • Das Schaulaufen! Bücher könnte man über die Faszination der Gestalten füllen, die jährlich zum WGT die Leipziger Innenstadt bevölkern. Anregend zu Deinem wirklich gelungenen Artikel möchte ich fragen, welchen Teil der „Freakshow“ du meinst? Ein großer Teil will nämlich genau so und als Freak wahrgenommen werden, anders ist es nicht zu erklären, immer die belebtesten Routen zu nehmen. Moritzbastei oder Innenstadt? Ich unterstelle, dass jeder, der hier in vollem Outfit herumstolziert mit Blicken und Schnappschüssen rechnet, ja, vielleicht sogar darauf abzielt.

    Gothic war meiner Ansicht nach immer schon eine Subkultur der Selbstinszenierung. Das „aufstylen“ gehört für mich einfach dazu. Ob ich mich vor den Kameras der Touristen zur Attraktion mache, kann ich in einem gewissen Rahmen selbst bestimmen. Und anders als der Elefantenmensch haben wir die Wahl, als Freak oder als Teil der Gesellschaft wahrgenommen zu werden.