Lost Classics: Pitchshifter – Industrial

1991 veröffentlichte die britische Band Pitchshifter ihr erstes Album, dessen Titel nicht passender sein könnte: Industrial. Kein Album wäre besser geeignet, um das Genre „Industrial-Metal“ mal bis auf seine weitverzweigten, alten Wurzeln auszugraben.

„Industrial“ scheint als Musikkategorie ein schier endloser, verfallener Bunkerkomplex zu sein, in dem sich Traditionalisten, Nerds, Puristen oder blutjunge Mädels tief in seinen Stahlbetontunneln wie Dungeoncrawler und Archäologen gerne darum streiten, wer es entdeckte, erfand und ob Gitarren überhaupt zugelassen sind oder nicht sogar der Hauptbestandteil sind. Vor über dreissig Jahren galt es auf Mülltonen einzuprügeln, bis vor ein, zwei Jahren wurden sogar Neonfarbene Tanztruppen als zugehörig bezeichnet. Irgendwo dazwischen nisteten sich auch Metaleinflüsse im besagten „Industrial“ ein.

Doch erscheint ein solcher Albumtitel eines Debüts nicht etwas arrogant, wenn die Nähe zu den Idolen Godflesh so deutlich hörbar ist? Zum damaligen Zeitpunkt, konnte man die Band als ihre „Stiefkinder“ einsortieren. Kritiker behaupteten damals stur, Pitchshifter wären ein ganz billiger Klon. Nur wenige Jahre später vollzog die Band aus Nottingham einen radikalen, musikalischen und optischen Kurswechsel und setzte fortan auf echtes Schlagzeug, dazu vor allem Techno- und Drum ´n Bass-Einflüsse und wurde zu einer quasi Heavy-Version von The Prodigy und gleichzeitig auch alle Plagiatsvorwürfe los.

industrialEntgegen all den negativen Kritiken und Meinungen finde ich nicht, dass Pitchshifter zu diesem Zeitpunkt ein einfallsloser Klon waren. Die Einflüsse sind natürlich da. Sie sind sogar enorm. Von mir aus un-überhörbar. Pitchshifter waren anfang der 90er Jahre die straighte, direkte Metalriff-Version von Godflesh´s eher Art-Rock und Noise orientiertem, wenn auch nicht weniger härterem Sound.
Dennoch fügten Pitchshifter auf diesem Album der musikalischen Godflesh-DNA einige ganz erfrischende Mutationen hinzu: die Gitarren sind noch tiefer gestimmt als bei den Vorbildern, die Riffs orientieren sich am traditionellen Heavy Metal, der Drumcomputer donnert ebenfalls noch heavier ein-programmiert aus den Boxen und vor allem der Gesang des damaligen Sängers Mark Clayden ist der grösste Unterschied: hier wird eher im Geiste von Deathmetal gegrunzt und gegrowlt, was das ganze direkt auf ein viel aggressiveres Level hebt. Dazu werden backing-Vocals vom Bruder und Bandmitglied J.S. Clayden geliefert, der schon auf dem nächsten Release, der feste Sänger der Band werden sollte.

Lead-Gitarren sind auch etwas, was beim grossen Vorbild eher rar war. Hier konnten sich gleich zwei Gitarristen alles aufteilen: John A.Carter und Stu E.Toolin. Die kurz gehaltenen, schwebenden Lead-Melodien tragen manchmal ganze Passagen, ohne dauernd penetrant im Vordergrund zu stehen. Ordentlich Wah-Wah, etwas Vibrato und Delay druff und fertig ist ein simpler, aber doch wiedererkennbarer Sound, der zumindest ein wenig Drone-Elemente beinhaltet und alle Lücken zwischen den tighten Metalriffs schliesst.

Auch sind die Songs auf Industrial im direkten Vergleich deutlich kürzer und vom Songwriting her betrachtet, knackiger und strukturierter. Ausufernde, im Hall ertränkte Feedback-Orgien, die mittendrin alles kaputtmachen, findet man auf Industrial mit Ausnahme von einem Song (New Flesh) zum Beispiel gar nicht. Weniger Hypnose und Psycho-Stimmung, dafür mehr Hooks und Struktur. Das Tempo reicht von schleppend bis flott, in etwa auch der Umfang, den der grosse Bruder aus Birmingham vorlegte.

Der Opener Landfill, hämmert sich direkt und brutal in den Schädel:
„Hate! I Hate! Motherfucker! Drown! Bleed! I wish you would! “ Der Gesang brüllt immer wieder alle nur erdenklichen Todeswünsche an den Adressaten heraus. Das Songwriting ist extrem clever und macht den treibenden Track zu einem der besten Songs aus der besagten Phase der Band. Mir gehen bei diesem Song nicht einmal die clever programmierten Drumpatterns aus dem Kopf.

Brutal Cancroid hingegen ist der vielleicht abwechslungsreichste Track, auch wenn man bei dieser Stilistik nicht wirklich auf Vielfalt aus ist. Hier wird der Hörer vor allem durch die wilden Drums und die vielen kleinen Einspieler der Lead-Gitarren immer wieder mit mehr konfrontiert, als nur einem abgedämpften, monotonen Gitarrenriff.

Der letzte Song, Eye, beginnt mit einem Gänsehaut erzeugendem, gespenstischen Intro, das sich bis zum richtigen Songbeginn schleppt. Abwechselnd gewinnen die Strophen etwas an Fahrt, werden wieder kurz verschleppt und so geht es lange Zeit auch weiter. Zum Ende hin belebt nochmal eine kleine Steigerung das ganze, so dass der Song kein rein hypnotischer Track bleibt, sondern auch ein wenig aufatmet.

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Genau das sind all die Dinge, die ich an den alten Pitchshifter und diesem Album schon immer geil fand. Um ehrlich zu sein, schere ich mich einen feuchten Dreck um die negativen Vergleiche zu ihren Vorbildern. Der frühe Sound von Pitchshifter hat nur kurze Zeit später eine gewisse Band namens Fear Factory im fernen Los Angeles auf ihrer ersten Demo (1991) und den zwei ersten Alben Concrete (1991) und Soul of a New Machine (1992) hörbar beeinflusst, auch wenn Fear Factory dem ganzen mit Samples, gesungenen Passagen und noch machinelleren Riffs und Drumming noch einmal eine neue, individuelle Note geben konnten und so das Genre in dessen Evolution noch intensiver prägten.

1992 folgte bei Pitchshifter noch die stilistisch identische EP Submit, welche ich eigentlich nur aufgrund der geringeren Anzahl an Songs hier nicht mit-rezensiere. Ich empfehle, beide Veröffentlichungen „back-to-back“ in der Playlist zu hören. Dieses Album kann ich einfach nur feiern. Für die Nerds: das seltsam anmutende Cover ist die Momentaufnahme eines Kopfschusses an einem von Dennis Hopper gespielten Charakter aus David Lynch´s Film Blue Velvet.

Punkte: 8 von 10
Genre: Industrial-Metal
VÖ: 1991
Label: Peaceville


Tracklist:
01. Landfill
02. Brutal Cancroid
03. Gravid Rage
04. New Flesh
05. Catharsis
06. Skin Grip
07. Inflammator
08. Eye

 

About Nihil

Hobbies: Musik, Filme, Gitarre, Whiskey, Pen&Paper Rollenspiele, Fussball Lieblingsmusik: Godflesh, Ministry, Massive Attack, Mayhem, NIN, Sisters Of Mercy Motto: "I won´t get down in history but I will get down on your sister" Bin ein hyperaktiver, ungeduldiger Kerl - ich habe manchmal eine grosse Klappe und schere mich wenig um "Political Correctness" in der Unterhaltungsindustrie. Eigentlich hasse ich Kunst und alles, das mir zu "gekünstelt"erscheint. Für mich muss Musik polarisieren, laut sein und mehr Substanz haben als Hochglanzfotos auf den Titelseiten der Magazine. Ich liebe die einfachen Dinge des Lebens. Momentan bin ich Gitarrist bei Ibyss und PaPerCuts und war zuvor auch einige Zeit als Live-Musiker bei Blutzukker und Killing Smile tätig. Mit meinen Beiträgen will ich gezielt über viel zu unbekannte Musik und zu Unrecht vergessene Alben schreiben. Den Underground zu supporten ist genau mein Ding.

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