Tineoidea

Samsas Traum – Tineoidea (Review und Kritik)

Tineoidea
Tineoidea

Alexander Kaschte, seines Zeichens Begründer, Texter und nach dem Rauswurf des Klarinettenspielers Daniel Schröder nun auch einziges dauerhaftes Mitglied von „Samsas Traum“, hat in der Geschichte des genannten Musikprojektes bereits mehrfach bewiesen, dass er ein recht begnadeter Geschichtenerzähler ist: Bei mehreren seiner Alben handelte es sich Konzeptalben, deren einzelnen Lieder eine zusammenhängende, komplexe Geschichte ergeben. Dieser Albenaufbau war bereits bei dem Debüt „Die Liebe Gottes“ präsent und auch das Album „a.Ura und das Schnecken.Haus“, mit dem Samsas Traum Bekanntheit bei einem breiteren Publikum erlangte, folgte einem klaren Konzept. Die Geschichten sind hierbei ziemlich fantasievoll und oftmals von der Bibel inspiriert.

„Tineoidea oder: Die Folgen einer Nacht“ – eine Gothic-Oper in Blutmoll, so der volle Name des im Jahr 2003 erschienen vierten Albums von Samsas Traum, ist nun die zweite Veröffentlichung dieser Art und führt diese Form des Erzählens nahezu zur Perfektion. Der Untertitel „Gothic-Oper“ ist hier definitiv Programm, denn die Handlung wird, ähnlich wie die einer richtigen Oper, durch dialogartigen Wechselgesang mehrer verschiedener Gastsänger erzählt, wobei jeder Sänger die Rolle eines bestimmten Charakters in der Handlung übernimmt. Bei den Sängern handelt es sich um Mitglieder verschiedener Bands der Schwarzen Szene, darunter auch bekannte Namen wie Alexander „Asp“ Spreng oder Chris Pohl. Obwohl Kaschte im Gegensatz zu den anderen Gastsängern sehr viele verschiedene Rollen übernimmt, sind einige Lieder daher beinahe komplett kaschtefrei. Musikalisch ist das sehr elektronisch gehaltene Album – wie der Untertitel schon andeutet – grob dem Gothic zuzuordnen.


In der Geschichte geht es um das Schicksal der beiden Protagonisten Samuel – gesungen von Kaschte – und Lilith – gesungen von Ophelia’s Dream-Sängerin Susanne Stierle -, welche auch schon die Hauptpersonen von „Die Liebe Gottes“ waren. Man kann Tineoidea also durchaus als Fortsetzung zu diesem Album betrachten, es kann aber ebenso auch für sich alleine stehen. Das noch ungeborene Kind der beiden soll einer Prophezeiung zufolge mächtiger als Gott werden, weshalb die verschiedensten, meist biblischen Gestalten versuchen, seiner habhaft zu werden.

Das Album wird durch elektronisches Rauschen eingeleitet, welches mit einigen Soundschnipseln aus Album „Oh Luna Mein“ durchsetzt ist, bevor der Opener „Die Hoffnung stirbt zuletzt – am Anfang stirbt der Glaube“ beginnt. Dieser ist sehr episch und besticht durch mehrstimmigen Gesang Kaschtes, der einem Chor ähnelt. Dieser Chor – genannt „Der Chor der toten Namen“ – findet noch an mehreren Stellen Verwendung. Das Lied stellt großteils einen Vorspann zu der eigentlichen Handlung dar.

Alexander Kaschte
Alexander Kaschte

Danach folgt „Narrenspiel – das letzte Tor zum Leben“, in dem die Flucht Samuels und Liliths vor den „Märtyrer-Brigaden“ beschrieben wird. Hier spielen die Gastsänger Thorsten Schneyer – bekannt als Sänger von Adversus – sowie Elisabeth Kranich erstmals eine Rolle. Auch dieses Lied ist großteils gelungen, allerdings will der sehr schrille Gesang Schneyers hier nicht so recht zu der ziemlich melodischen Gestaltung passen und fällt unangenehm auf.
„Ein Foetus wie du – komm auf mein Begräbnis, Baby“, der folgende Track, hat einen seltsamen Titel und präsentiert sich passend dazu auch musikalisch ziemlich abgedreht. Textlich stellt das Lied eine Hommage an die Band „Foetus“ dar. Sehr elektronisch und durchaus gewöhnungsbedürftig – aber dennoch sicherlich einer der stärksten Tracks des Albums.
Das nächste Stück „Über der Erde – Dies ist Feigheit“ ist dann ein krasser Gegenatz dazu – hier handelt es sich um ein ruhiges, melodisches und sehr gelungenes Duett zwischen Susanne Stierle und Alexander Spreng, welcher den Part des Schutzengels „Aleksandar“ singt.
Das nachfolgende, sehr eingängige „Scherben bringen Glück – ab jetzt geht es um Gott“ wiederum stellt einen inneren Monolog Samuels dar.

Danach treibt „In der Kirche des Todestrips – die Horrorhochzeit“, welches eine Entführung Liliths schildert, die Handlung weiter voran. Das Lied ist relativ rockig, allerdings befindet sich mittendrin ein mehrminütiger Abschnitt, der nichts außer einigen Geräuschen, die entfernt ans Kochen erinnern, beinhaltet. Dies ist eine unnötige und sehr störende Länge in dem ansonsten durchaus gelungenen Stück.
Das folgende „FM.N.F. – Nikotin und Meskalin“, welches erneut einen inneren Monolog Samuels schildert, ist durch die chaotische, an Noise erinnernde Gestaltung das wohl ungewöhnlichste Stück des Albums.
Danach folgen noch „Café Koma – das große Diskoinferno“ welches in direkten Worten einen Amoklauf in einer Diskothek schildert sowie die eher unauffälligen Stücke „Die Zärtlichkeit der Verdammten – Willkommen bei den Peingebrecks“ und „Der Fährmann – Nur ein einziger Gefallen noch“, bevor die Geschichte mit dem elfminütigen „Im Embryovernichtungslager – Am Ende bleibt uns nur die Hölle“ ihr Ende findet. Dieses ist der dramaturgische Höhepunkt und das Finale des Albums, fast alle Gastsänger haben in diesem Stück einen Auftritt. Zudem ist das Lied musikalisch am abwechslungsreichsten, es gibt sehr harte, aber auch mehrere ziemlich ruhige Abschnitte.
Den passenden Abschluss bildet dann das sehr ruhige Titellied „Tineoidea“, in welchem ein Fazit aus der Geschichte gezogen wird.

Wie alle Alben von Samsas Traum beinhaltet auch Tineoidea eine Bonus-Disc. Der Inhalt dieser variiert allerdings zwischen der Erstauflage und der Neuauflage aus dem Jahr 2005, daher wird diese Disc hier außen vor gelassen.

Schwarzenews
Ridley

Fazit:
„Tineoidea“ ist wirklich ein cineastisches Werk: Die komplexe Handlung folgt einem ausgefeilten dramaturgischen Aufbau, der beinahe einem Kinofilm gleichkommt. Daher wirken die Lieder – bis auf einige Ausnahmen, die die Handlung eher kommentieren, denn vorantreiben – tatsächlich wie ein einziges Werk, welches mit „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ beginnt und mit „Tineoidea“ endet, wobei letzteres tatsächlich wie der Abspann eines Kinofilms wirkt und im Hörer entsprechende Gefühle auslöst. Sicherlich ist der Film nicht hundertprozentig perfekt, es gibt die eine oder andere Länge und manche Stellen sind gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt ist „Tineoidea“ ein wunderbares Werk und stellt übrigens auch ein sehr gutes Einstiegsalbum zu Samsas Traum dar.

Bieberpelz
Bieberpelz

Zweite Meinung:
Auch ich bin von diesem großartigen Werk sehr angetan, empfinde aber die einzelnen Songs bzw. Stellen völlig anders als mein Vorredner. Der Geschrei von Thomas Schneyer im Song „Narrenspiel – das letzte Tor zum Leben“ halte ich für absolut zur Stimmung passend währen die Geräuschkulisse zur Mitte von „In der Kirche des Todestrips – die Horrorhochzeit“ – was nach Ratschen und Party klingt – als Atmosphärischen und aufweckenden Part ehe sich das Blatt wendet. Das ist für eine Oper und eine Album das eine Geschichte erzählt absolut Stimmig. Darüber hinaus sehe ich „Die Zärtlichkeit der Verdammten“ als eines der starken Lieder von Samsas Traum. Ansonsten kann ich mich meinem Vorredner nur anschließen das es sich hierbei um ein großartiges Album handelt was 9 von 10 möglichen Punkten verdient hat.



Trackliste:

  1. Die Hoffnung stirbt zuletzt – Am Anfang stirbt der Glaube
  2. Narrenspiel – Das letzte Tor zum Leben
  3. Ein Foetus wie du – Komm‘ auf mein Begräbnis, Baby!
  4. Über der Erde – Dies ist Feigheit
  5. Scherben bringen Glück – Ab jetzt geht es um Gott
  6. In der Kirche des Todestrips – Die Horrorhochzeit
  7. F.M.N.F. – Nikotin und Meskalin
  8. Café Koma – Das große Diskoinferno
  9. Die Zärtlichkeit der Verdammten – Willkommen bei den Peingebrecks
  10. Der Fährmann – Nur ein einziger Gefallen noch
  11. Im Embryovernichtungslager – Letztlich bleibt uns nur die Hölle
  12. Tineoidea


(9/10)
(9/10)

Anspieltipps:
sollte aufgrund des Zusammenhangs der Lieder am Stück gehört werden, aber besonders gelungen sind:
-Die Hoffnung stirbt zuletzt – Am Anfang stirbt der Glaube
-Ein Foetus wie du – Komm‘ auf mein Begräbnis, Baby!
-Über der Erde – Dies ist Feigheit


Erscheinungstemin:
2003 erschienen

Tineoidea – offizielle Homepage
Samsas Traum – Homepage
Samsas Traum auf MySpace

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