Sólstafir - Köld

Sólstafir – Köld (Review und Kritik)

Sólstafir - Köld
Sólstafir - Köld

Sólstafir – Köld (Review und Kritik)

Habt ihr euch schon einmal so sehr auf ein Album gefreut, dass ihr es vor Spannung kaum aushalten konntet? Wenn dann eine Terminverschiebung nach der anderen ins Haus flattert, fragt man sich, welch ungerechte Macht ihren Einfluss hier spielen lässt. Meist trifft es ja die Bands, die sowieso ständig vom Pech verfolgt zu sein scheinen. So standen und stehen die Sterne für Sólstafirs neues Album nicht so günstig, wie man es bei einem Meisterwerk wie „Köld“ erwarten darf.

Das Songmaterial von „Köld“ wurde bereits im Dezember 2007 aufgenommen und wenn man bedenkt, dass die Isländer bis heute noch nicht so richtig wissen, wann das Album in welchem Teil Europas veröffentlicht wird, ist dies leider schon bezeichnend. Man kann den vier nordischen Cowboys nur wünschen, dass „Köld“ die Aufmerksamkeit der Fans bekommt, die das Album verdient und Spikefarm ihre Haltung der Band gegenüber noch einmal überdenken lässt.

Aber genug von der Kritik an Labelpraktiken, denn hier soll es um die Musik Sólstafirs gehen und wenn ich sagen würde, dass für mich das Album des Jahres 2009 jetzt schon feststeht, würde auch das der Scheibe kaum gerecht werden. Begann der Vorgänger „Masterpiece of bitterness“ mit dem 19 Minütigen „I myself – the visionary head“ noch etwas sperrig, geht man auf „Köld“ ebenfalls einen ungewöhnlichen Weg und legt mit „78 days in the desert“ ein stimmungsvolles Instrumental vor. Im Gegensatz zu etlichen Versuchen anderer Bands einen Intro-Song zu gestalten, wirkt der Song essentiell wichtig für das Album, erleichtert den Einstieg und baut die richtige Stimmung für das Album auf. Mit seinen über acht Minuten geht der Song auch weit über den Introcharakter hinaus, man fühlt sich in der wilden Natur Islands zu Hause, in einer Wüste aus Eis und Feuer, den großen Gegensätzen Islands. Selten kann man den Charakter eines Landes auf so eindringliche Weise erfahren, so schwingt stets eine melancholische Grundstimmung in den Songs mit, welcher man sich kaum entziehen kann. Dabei bewegt sich die Band fernab jeglicher gängigen Metal Klischees, verarbeitet so viele Einflüße, wie Doom, Punk, Postrock,  Black Metal, oder auch Gothic zu einem stimmigen Ganzen. Man klingt einfach nach Sólstafir, einzigartig und unvergleichlich. Wunderbare Gitarrenlinien, wirbelnde Drums und der über alles stehende Bass Svavar Austmanns entführen uns in die Vision der vier einsamen Cowboys des Nordens.

Sólstafir
Sólstafir

Das Titelstück wirkt absolut berauschend, treibt es zunächst voran, um mit Einsetzen des Gesangs Aðalbjörn Tryggvasons sich in völliger Schönheit zu entfalten. Tryggvason schreit dabei seine ganze Sehnsucht aus sich heraus, wirkt vielleicht technisch nicht ganz einwandfrei, dafür aber sehr überzeugend. Man glaubt ihm jede einzelne Silbe aus seinem Mund, würde am liebsten laut mitschreien, einfach perfekt passend zu dem zwischen Melancholie und purer Spielfreude wechselndem Stück. Wenn der Song dann in den von Orgelklängen begleiteten ruhigen atmosphärischen Part abgleitet, hat man keine Chance mehr, man ist gefangen in diesem traurig melancholischen Stück, weit entfernt vom Stempel Viking Metal, der den Isländern auch heute noch gerne aufgedrückt wird. Das Finale verbindet die zwei starken Facetten des Songs zu einem emotionsgeladenem Höhepunkt. Wenn Metal jemals Emotionen transportieren sollte, schaffen dies Sólstafir mit purer Leichtigkeit.

Und wenn man dachte, es geht nicht mehr tiefer, wird man mit dem „Pale rider“ eines besseren belehrt. „No, I don’t know where to go“ tönt Tryggvason aus den Boxen, begleitet von Primordialscher Wehmut. Weinen, Schreien, alles komplett rauslassen, was einen im tiefen Inneren bewegt. Das Stück wird nicht einfach nur von Blasts unterstützt, sondern Guðmundur Óli Pálmason erzeugt eine progressiv spannende Atmosphäre, durch ständig variables Spiel.

She destroys again“ beginnt still, eine todtraurige Gitarrenmelodie, dazu zunächst der ruhige Gesang, der dann mit Einsetzen der Drums wieder sehr kraftvoll wird. Hier darf gebangt werden, bisher vielleicht der eingängigste Song des Albums. Die Riffs werden nicht einfach runtergespielt, es wird zelebriert und ständig variiert. Keinerlei Langeweile tritt auf und das, obwohl man schon den vierten Song hintereinander hat, der die sieben Minuten Marke locker sprengt. Man merkt aber, dass die Stimmung jetzt umschlagen muss, man ist an einem wichtigen Punkt des Albums angelangt und fragt sich gespannt, was Sólstafir für den Hörer nun parat haben.

Das unglaublich schöne „Necrologue„, welches einem im Alter von nur 26 Jahren verstorbenem Freund der Band gewidmet ist, zieht ganz tief hinunter. Tryggvason legt einen an Nirvana erinnernden Ausdruck in seine Stimme, der Song ist doomlastig und wieder zum Bersten traurig. Die Gitarrensoli könnten auch aus 70ern stammen und wenn die Textzeile „Maybe this is not the end my friend“ gehaucht wird, wird kaum einer nicht ergriffen sein. Mit der Zeit ist es schon beängstigend, wie die Isländer ein Wahnsinnsstück nach dem anderen darbieten können, viele Bands wären froh, einen der Songs einmal auf einem Album stehen zu haben.

Sólstafir - Live
Sólstafir - Live

Die Stimmung wird mit „World void of souls“ noch heimlicher. Eine Erzählerstimme berichtet, von psychedelischen Gitarren und einem allgegenwärtigen Glöckchenklang untermalt, vom Verlust eines geliebten Menschen. Er kann nur noch Schwarz-Weiß erblicken, wie auf den letzten Fotos, die noch in seinem Besitz sind. Der Song erinnert an burzumeske Ambient Stücke, ist aber wesentlich spannender und bei weitem nicht so monoton, dank der vielen kleinen Details in sich. In den letzten drei Minuten treiben die Drums das Stück wieder voran, ein tiefer Männerchor intoniert im Hintergrund den herrlichen Schluss und man fragt sich, ob tatsächlich gerade fast 12 Minuten vergangen sind.

Love is the devil (and I am in love)“ ist allein schon textlich in einem Bereich, den sicher jeder kennt, schon das augenzwinkernde „I think I’m gonna be sad“ weist darauf hin, doch nicht alles so verdammt ernst zu nehmen. Und so ist der Song der kürzeste, könnte aufgrund seiner Eingängigkeit schon fast als Single durchgehen, absolut zum Mitsingen geeignet und leitet perfekt zum längsten und letzten Stück des Albums über.

Mit „Goddes of the ages“ wird es zum Schluss wieder etwas stiller. Die Metalgitarren verschwinden etwas, es entsteht eine gedämpfte, fast leidende Atmosphäre, vom Gesang noch verstärkt. Dezente Orgel und Klaviertöne begleiten die klagende Leadgitarre. Die letzten Minuten sind ein totaler Rausch aus atmosphärischem Gitarrenspiel, sehr nahe am Postrock, sich steigernd bis ins unermessliche. Ein Ritt in karge, zerklüftete Landschaften, in absolute Einsamkeit immer weiter dem unausweichlichem Ende entgegen. Ein wundervoller Ausklang für ein unglaubliches Album.

Iskharian
Iskharian

Fazit:

Ich könnte jetzt noch mit vielen Adjektiven um mich werfen, die das Album zu beschreiben versuchen, würde aber dennoch nicht die volle Tragweite „Kölds“ auch nur ankratzen können. Sólstafir sind einzigartig, steigern sich mit jedem neuen Album noch mehr und lassen mir gar keine andere Wahl als die volle Punktzahl herzugeben. Ein Werk für die Ewigkeit…



Trackliste:

  1. 78 days in the desert
  2. Köld
  3. Pale rider
  4. She destroys again
  5. Necrologue
  6. World void of souls
  7. Love is the devil (and I am in love)
  8. Goddess of the ages

10/10
10/10

Anspieltipps:

einfach alles!

Erscheinungstermin:

27.02.2009

Sólstafir Myspace

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