Staunen, dass der Doktor kommt: Der Herr der Maden. Wenn Dr. Benecke aus seinem Leben erzählt

Sold out – volles Haus – alles ausverkauft! Sowas ist an der Eingangstür zu lesen, wenn der Doktor, der den Tod zu seinem Metier gemacht hat, höchstselbst zur Audienz bittet. Der Doktor? Irgendein Musiker, Schriftsteller, Künstler, der mit intellektuellen Ergüssen den Besucher bezirzen will? Der das Thema „Tod“ romantisiert und verklärt, um es den Besuchern zu erleichtern, diese unausweichliche Tatsache zu akzeptieren und es gesellschaftsfähiger zu machen? Nein.

12316298_999896016697766_2181844020793474011_n

Der Doktor, das ist Dr. Mark Benecke. Dr. Doom, der Herr der Maden. Benecke besucht zum wiederholten Male die Universitätsstadt Gießen in Hessen, um an den Abenden des 10. und 11. Dezembers 2015, von seinem Beruf als Kriminalbiologe, mit Spezialisierung auf forensische Entomologie, und von seinen Fällen zu berichten.

„Biotonnen-Leiche“, so lautet der Titel seines Vortrages am zweiten Abend, den Benecke in der Kongresshalle in Gießen hält. In großen Lettern leuchtet diese Ankündigung auf einer Anzeige über dem Einlass des Veranstaltungsortes. Dahinter das bereits genannte Wort: Ausverkauft!
Folglich denkt man, bei den Besuchern müsse es sich überwiegend um Mitglieder der Schwarzen Szene handeln, denn Benecke ist besonders dort bekannt und beliebt. Der Gedanke trügt jedoch: Im wahrsten Sinne des Wortes ist das Publikum bunt gemischt. Schwarz Gekleidete sind anwesend, aber deutlich in der Unterzahl.

Bei seinen Beschreibungen wird Benecke scheinbar kurz idealisierend, wenn er von der Zeit nach dem Tod eines menschlichen Körpers spricht. Man solle sich keine Sorgen machen, so sagt er, denn nach dem Tod gehe es ja weiter. Da wirkt er für die Dauer eines Wimpernschlages beinahe theistisch.
Dann löst er seine Pointe auf schwarz humoristische Weise auf: Man wäre ja nicht alleine, denn die Schmeißfliegen und Maden wären ja da. Jeder von uns Zuschauern werde einmal so aussehen, wie die Menschen auf den Fotografien, die auf die große Leinwand hinter ihm projiziert werden. Die Menschen, damit meint er die Protagonisten seiner Arbeit. Verweste, aufgedunsene, geblähte, blutüberströmte Leichname, von Maden und Bakterien besiedelt und teilweise oder restlos vertilgt. Seine Arbeit ist wissenschaftlich. Ungeschönt, direkt und somit ehrlich zeigt er dem anwesenden Publikum verschiedene Stadien des Todes in voller Pracht. Interessant für den einen, ekelerregend für den anderen.
Ab und zu sieht man Betrachter, wie sie während einer Fotografie den Blick abwenden. Auch kommt es vor, dass der Anblick der Fotografien so schockierend für das ungeübte Auge ist, dass mancher Betrachter sogar zusammengesackt. So zumindest ist es am vorangegangenen Abend, dem 10. Dezember, bei der Lesung „Vampire und Vampirzeichen“ geschehen.

12360023_1000249833329051_5370504407553249236_nWarum also neigen Menschen, die sich vermutlich in ihrem privaten Leben lieber von den Themen wie Sterben und Tod distanzieren, dazu, sich solche Bilder und ihre dazugehörigen Geschichten anzutun? Sind sie unwissend ob des Inhalts von Beneckes Vorträgen? Aber Benecke und sein Beruf sind doch in der Öffentlichkeit weitestgehend nicht mehr unbekannt. Ist es also Neugier oder vielleicht sogar schon Voyeurismus?
Beneckes Erklärung dafür lautet folgendermaßen: „Ach, ich glaube, alle Menschen wollen mal in einer kontrollierten, sicheren und 100% ehrlichen Umgebung Wahrheiten wissen. Viele der äusserlich als Normalos erscheinenden Menschen haben dieselben verstorbenen Kinder, Eltern und Geschwister und wollen was über Leichen und den Tod sachlich und fachlich erfahren.
Gruftis sind meist einen Tick romantischer, depressiver und sanfter, aber inhaltlich in Sachen Verwesung nicht so viel anders als die übrigen Menschen im Raum.“ 😉

Bei seinen Veranstaltungen, die auch von Fachkräften besucht werden, die im weiteren und engeren Sinne mit dem Beruf von Benecke zu tun haben, handelt es sich nicht nur um rein universitär anmutende Vorlesungsabende, sondern um gut besuchte Informationsveranstaltungen mit viel Entertainment.
Benecke, so morbide seine Themen wirken, bringt mit seinem trockenen Humor das Publikum zum Lachen und nimmt ihm möglicherweise die anfängliche Distanz zum Thema.
Auch an diesem Abend im Dezember.

Er berichtet von unglaublichen Fällen, die von der Alltäglichkeit und dem Lebensnahen abweichen, aber genauso vorgefallen sind. Nur die Anekdoten sind aus zweiter Hand, alle Inhalte jedoch wurden von Benecke selbst erlebt.
Besonders fällt auf, mit welch einer Genauigkeit er Beobachtungen anstellt. Sei es bei einem übergroßen Baba Jaga-Lebkuchenhaus in Dresden, das er als Objekt zum besseren Verständnis seiner Herangehensweise dem Publikum vorstellt, oder bei einem Tatort, bei dem jede noch so kleine Einzelheit hilfreich ist, um Liegeort und Verwesungsdauer einer Leiche nachzuvollziehen.
Durch seine Augen versteht man, dass selbst das kleinste Detail, sei es noch so unscheinbar oder merkwürdig, ein mögliches Puzzelteil eines Falles ist. Jede Einzelheit wird beobachtet. Am Besten, so sagt Benecke, sollen kindliche Fragen und Schlussfolgerungen gestellt werden. Über nichts solle man zu lange und intensiv nachdenken. Man würde nicht auf eine zufriedenstellende Antwort kommen, denn zu viele mögliche Hergänge verleiten zur Verwirrung. Eine einfache Schlussfolgerung durch Beobachtungen, die alles miteinschließt und nichts außer acht lässt, sei
notwendig.

Auch bei dem Fall den Benecke an diesem Abend vorstellt. Er ist zugleich titelgebend für den Veranstaltungsabend. Eine Leiche wird in einer Biotonne gefunden. Sie weist drei verschiedene Verwesungszonen auf. Die Leiche könnte bereits etliche Jahre oder erst wenige Monate in dieser Tonne aufbewahrt worden sein. Aufbewahrt, da die männliche Leiche vermutlich von seiner eigenen Ehefrau im Garten gelagert wurde. Die wiederum erhielt weiterhin die Pflegebezüge ihres Mannes, da sein Ableben keinem Amt mitgeteilt wurde. Es ist nicht eindeutig klar, ob es eine äußere Gewalteinwirkung gab, noch, ob sich der Leichnam die ganze Zeit in der Tonne befunden hat.
Aufschlüsse darüber geben die kleinen Helfer Beneckes: Fliegen, Käfer und Maden. Verletzungen auf der Oberfläche der Leiche können von Gewalt zeugen, aber auch von Fressspuren verschiedener Insekten, Verwesung und anderen natürlichen Geschehnissen. Auch befanden sich Insekten oder Überreste von ihnen auf der Leiche, die den Kadaver weder als Brutstätte noch als Nahrungsquelle
benutzten, geschweige denn außerhalb des Hauses auftreten.
Kann es also gewesen sein, dass die Leiche zuerst innerhalb des Hauses gelagert wurde? War es ein Gewaltakt oder verstarb der Mann auf natürliche Weise? Ging es der Frau lediglich um die Bezüge des Mannes und hat sie neben Betrug und Hinterziehung keine weitere Straftat begangen?
In solchen Fällen tritt Benecke auf und prüft an Hand der Leiche, seinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen, wie sich solch ein Sterben zugetragen haben könnte. Um mögliche Ereignisse nachzustellen, greift Benecke meist zu anderem toten Gewebe, wie tote Ferkel, um den Verwesungsprozess „nachzustellen“ und zu verfolgen.

12369045_999895866697781_4531719515499175687_nAlle Einzelheiten werden dem Publikum in Form von Fotografien und Erläuterungen näher gebracht. Nicht jeder Blick der Besucher hält den detaillierten Abbildungen stand. Die Ästhetik des Todes ist minder schön und nicht jedem fällt ihr Anblick leicht. Benecke selbst ist in der Position des Lehrenden. Er ist an die Bilder gewöhnt, wirkt dabei aber nicht abgestumpft, sondern ist fokussiert auf die wesentlichen Tatsachen. Eben ganz der Wissenschaftler.

Die Stadt Gießen sei eine Liebe auf den zweiten Blick, so zitierte der in Köln lebende Benecke Dietlind Grabe-Bolz, die Oberbürgermeisterin von Gießen. Dies mag auch auf die Motive von Beneckes Fotografien zutreffen.
Zu sehen, welche Spuren die natürlichen Vorgänge der Zersetzung hervorrufen und mit welcher Kompromisslosigkeit dies geschieht, mag abschrecken und gleichfalls faszinieren. Jedoch ist der Effekt derselbe: Sie ziehen ihre Betrachter immer wieder in ihren Bann.

Poes Rabe

obere Fotografie: Saskia Schäfer

Fotografien by Ines Fischer, auch auf Facebook einsehbar

Mark Benecke auf Facebook

Homepage von Mark Benecke

About Poes Rabe

Was schreibt denn da als Redakteurin für Dark News über Literatur, elektronische Musik und Konzerte? Es handelt sich dabei um Poes Rabe, der, anders als erwartet, weiblich, hellhäutig und mit rotem Hauptgefieder gekrönt ist. Namentlich ist dieses Exemplar als Saskia Schäfer bekannt. Das 1990 geborene Rabentier ist Studentin an der Philipps-Universität in Marburg und besucht ebenfalls die Deutsche POP Akademie in Frankfurt am Main.

Check Also

NCN13 - Nocturnal Culture Night 2018

Preview: NCN 13 – Nocturnal Culture Night 2018

Auf nach Deutzen! Denn vom 7. bis 9. September 2018 findet dort im Kulturpark zum …