Suicide Commando – Interview mit Johan van Roy

Suicide Commando
Suicide Commando

Es ist ein Clubabend wie fast jeder im duisburger Kultkeller. Man macht sich wie üblich auf den Weg, holt seine Begleitung (und heute auch mein Ersatzdiktiergerät) ab, geht noch etwas essen und wirft sich mit vollem Magen ins dunkle Getümmel. Vielleicht fiel dem einen oder anderen das Wörtchen „fast“ auf: Tatsächlich hatte der Kultkeller, den viele sicher noch unter dem Namen Old Daddy kennen, einen namhaften Gast-DJ: Suicide Commando-Mastermind Johan van Roy war an diesem Abend am DJ-Pult und ballerte dem Clubpublikum tanzbare Electro- und Industrialmucke von Agonoize bis X-Fusion (mir fällt gerade ums Verrecken keine Industrial-Band mit „Z“ ein) um die Ohren. Doch bevor er ab Mitternacht übernahm, war er dankenswerterweise bereit, mir und meinem treuen Diktiergerät Jenny ein paar Worte zu Gott (Suicide Commando) und der Welt (dem Rest) zu sagen. Viel Spaß mit dem folgenden Interview.

Schwarze News: Hallo Johan, wie geht es dir?

Johan van Roy: Gut, danke. Ich hoffe, euch beiden ebenfalls.

SN: Natürlich, vielen Dank. Wenden wir uns aber dem Ernst des Lebens zu… Auf Myspace wird seit längerer Zeit ein neues Suicide Commando-Album angekündigt. Hat dein demnächst erscheinendes Baby denn schon einen Namen?

JvR: Ja, hat es. Der wurde vor kurzem angekündigt: „Implements of Hell“ wird das Album heißen. Ein Veröffentlichungsdatum kann ich dir allerdings noch nicht nennen. Angepeilt ist aber ungefähr Herbst.

SN: Der Vorgänger „Bind, Torture, Kill“ behandelte konzeptionell Serienkiller, besonders Dennis Rader, von dem der Albumtitel und der Titelsong inspiriert sind. Wird „Implements of Hell“ ebenfalls ein solches Konzept haben?

JvR: Uff. Schwere Frage- Das wird sich ergeben. Auf jeden Fall hat es so etwas wie einen roten Faden. Wohin sich das entwickeln wird- Das werden wir sehen. Auf jeden Fall wird es kein so striktes Konzept haben wie „Bind, Torture, Kill“.

SN: Ach, das wollte ich dich eigentlich schon früher fragen. Du hast ja letztens geheiratet…

JvR: Stimmt.

SN: Wird es denn jetzt ein Suicide-Commando-Liebeslied geben?

JvR: (Grinst) Hehe, die gibt es doch schon. „Love Breeds Suicide“ ist doch ein wunderschönes Liebeslied. Aber Scherz beiseite: Echte Liebeslieder von Suicide Commando wird es wohl nicht geben. Das passt einfach nicht zur Musik.

SN: Irgendwo hast du da Recht. Und nach über 20 Jahren damit anzufangen, ist auch irgendwo seltsam. Aber wo wir gerade dabei sind: Für Electro-Acts sind 20 Jahre eine ungewöhnlich lange Zeit. Alte Heroen wie zum Beispiel Front 242 haben es ungefähr nur halbsolange miteinander ausgehalten. Wie erklärst du dir, dass Suicide Commando nach wie vor existieren und nach wie vor aktuell sind und Trends setzen?

JvR: Ich denke, die Erklärung dafür, dass es Suicide Commando schon so lange gibt, genauer 23 Jahre, ist relativ einfach. Da ich als einziger an Suicide Commando arbeite, wird es mir schwer fallen, mich mit mir zu streiten (grinst). Und das Trends setzen… Das war nie geplant. Ich wollte immer nur meine Musik machen. Wem es gefällt, super. Dass es aber so lange so erfolgreich sein würde, hätte ich nie gedacht.

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Johan van Roy

SN: Hast du dir denn für Suicide Commando eine Deadline gesetzt? Es gibt eine Menge Bands, die mit circa 60 noch aktiv sind. Wirst auch du mit ca. 80 noch auf der Bühne stehen und „Love Breeds Suicide“ singen?

JvR: (Grinst) Ehrlich, ich bewundere Bands, die das können. Aber ob ich auch dazugehören werde, weiss ich nicht. Ich dachte mir schon so oft, dass ich aufhören will, aber normalerweise war ich 5 Minuten später komplett anderer Meinung und bastelte an neuen Songs. Also… Ich weiss es nicht. Derzeit denke ich aber nicht ans Aufhören, denn derzeit macht es mir noch einen Riesenspaß. Schließlich ist die Musik ein Teil von mir. Übrigens glaube ich kaum, dass ich 80 werde (grinst).

SN: Darf man denn fragen, wie du damals zum EBM gekommen bist?

JvR: Bevor ich in der Electroszene aktiv war, hörte ich hauptsächlich Bands wie The Sisters of Mercy, The Cure oder auch Joy Division. Dann kam ich aber mit The Klinik und Front 242 in Berührung und war völlig hin und weg: Das war etwas komplett neues und faszinierendes. So bin ich eben in die Electroszene reingekommen.

SN: Zu den Projekten, die auf eine ähnliche Weise und zur ungefähr selben Zeit zum Electro kamen, gehört auch Wumpscut, die immer mal wieder mit Skandalen für Schlagzeilen sorgen, wie zum Beispiel mit dem Satansmord von Witten oder dem Amoklauf von Kauhajoki, wo alle Hauptfiguren, der Amokläufer und das Satanistenpärchen, einen mehr oder minder direkten Bezug zum Projekt hatten. Wünschst du dir auch manchmal einen Skandal um Suicide Commando, der dich ein wenig in den Mittelpunkt des Interesses rückt?

JvR: Nein, auf gar keinen Fall! Ich will solche Sachen auf gar keinen Fall missbrauchen, wie es andere vielleicht tun.

SN: Och, Wumpscut haben das aber sehr cool gelöst.

JvR: Mag sein. Dennoch will ich so etwas auf gar keinen Fall haben: Zwar gibt es auf jeden Fall Menschen, die vielleicht von mir inspiriert Selbstmord begangen haben oder ähnliches. Aber ich weise da jede Verantwortung zurück.

SN: Dann siehst du dich anscheinend auch nicht unbedingt als Vorbildfigur mit positiven Botschaften?

JvR: Hm, das ist schwierig. Natürlich bringe ich mit Suicide Commando eine Botschaft, die die Menschen aber selbst interpretieren müssen. Die Grenze zwischen „gut“ und „böse“ ist sehr schmal. Ob eine Sache, von der ich singe, nun gut oder böse ist, muss jeder für sich selber entscheiden.

SN: Wo wir schon dabei sind: Aus meinem erweiterten Bekanntenkreis höre ich immer wieder, dass Suicide Commando, da du Filmsequenzen aus dem zweiten Weltkrieg verwendest, dass dein Projekt faschistisch sei. Vollkommener Schwachsinn, wie ich finde.

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"Implements of Hell wird das Album heißen."

JvR: (lacht) Faschisten? Scheisse, sie haben uns. Nein, ganz ehrlich: Suicide Commando ist nicht wirklich politisch. Und sicherlich auch nicht faschistisch. Ausserdem gibt es viele Bands, die ähnliche Samples verwenden.

SN: Das dachte ich mir auch schon. Aber nun zu einem etwas schönerem Thema: Du hast mit Jan L. aka Noisuf-X oder X-Fusion ein neues Projekt gegründet. Kombat Unit.

JvR: Stimmt. Und es wird definitiv noch mehr davon kommen: Allerdings fehlt uns beiden die Zeit. Jan arbeitete an Noisuf-X und bei mir ist Suicide Commando dran, also kann es leider noch etwas dauern. Ausserdem machen wir uns da keinen Druck. Es ist ja ein reines Spaßprojekt. Aber rausbringen wollen wir auf jeden Fall etwas!

SN: Wie kamt ihr beiden denn in Kontakt?

JvR: Ich kenne Jan schon relativ lange, und er mastert auch seit 4 Jahren meine CDs. So wurde der Kontakt eben noch ein wenig enger. Da unsere Musik relativ ähnlich ist und wir auch ähnlich ticken, dachten wir, dass es eine gute Idee wäre, eben etwas gemeinsam zu machen. Ausserdem dachten wir, dass es eine willkommene Abwechslung sei, da wir sonst alleine arbeiten. Daraus entstand dann eben Kombat Unit.

SN: Ist diese Zusammenarbeit mit Jan denn eine große Umstellung?

JvR: Ja, definitiv. Wir beide sind ja schon um die 20 Jahre allein unterwegs und es ist doch schwierig, da man seine Ideen nicht wie gewohnt umsetzen kann. Man muss immer auf den anderen Rücksicht nehmen. Jeder von uns beiden hat seine eigenen Gedanken und Ideen. Es ist nicht unbedingt einfach, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, aber trotzdem schaffen wir es.

SN: Ja, das wäre es, woran andere Bands und Projekte mit mehreren Musikern gescheitert sind. Aber mal was anderes. Gab es in letzter Zeit eigentlich CDs, die dich wirklich umgehauen haben?

JvR: Wirklich gute neue Sachen zu finden, ist schwierig. Derzeit gibt es soviel Musik, dass es schwer ist, das wirklich gute Zeug rauszufiltern. Gut gefallen mir aber derzeit die Alien Vampires aus Italien und C-Lektor aus Mexiko.

SN: Du sagst ja selbst, dass es derzeit zuviel Musik gibt. Gerade im härteren Electro-Bereich gibt es ja scharenweise neue Projekte, die Szene boomt. Denkst du, dass das bald ein Ende haben wird?

JvR: Ich habe da eigentlich keine Bedenken. Das wird nicht verschwinden, denn auch andere Trends in der Szene sind schon gekommen und gegangen. Zum Beispiel eben Darkwave, Future Pop, die Industrial/Gitarren-Kombination, die unter anderem Ministry geprägt haben, oder EBM. Die sind auch nie ganz verschwunden… Genauso wird das eben auch bei Harsh Electro nicht passieren. Aber alles kommt ja letzten Endes wieder… Am deutlichsten sieht man das ja an den Charts. Da ist alles schon mal dagewesen. Neue Generationen an Szenegängern bringen ja auch neue Musik.

SN: Das macht ja, so zum Abschluss des Interviews, auch einen schönen Aspekt der Szene aus. Die enorme Vielschichtigkeit…

JvR: … die es früher auch gab. Nur scheint man das heute nicht so wahrzunehmen.

SN: Das kann natürlich sein. Ich kann es als zu spät geborener wohl nicht ganz nachvollziehen: Aber irgendwelche letzten Worte noch?

JvR: Ja, ich wünsche euch beiden heute Abend noch viel Spaß!

SN: Den werden wir sicher haben, vielen Dank. Es hat Spaß gemacht, mit dir ein paar Worte zu wechseln!

Fenriz
Fenriz

Und so ging Johan van Roy  auch das tun, wofür er kam. Er ließ den Kultkeller kochen. Den Spaß, den er uns wünschte, hatten wir. Aber bevor ich hier zu sehr ins schwärmen gerate, komme ich lieber mal zum Punkt: Es war ein schönes Interview mit einem sehr sehr angenehmen Gesprächspartner. Immer wieder gerne- Und die ohnehin schon große Vorfreude auf Suicide Commando auf dem Blackfield Festival steigt sicher weiter, genauso wie die Vorfreude auf „Implements of Hell“.




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Suicide Commando Myspace

Johan van Roy Myspace

Lovecat, Model und Diktiergerät – Danke, dass du das Gespräch mitgeschrieben hast!


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