Szene- Mode oder Lebenseinstellung? Cyber-Gothic

Von manchen Szenegängern auch als Knicklichtgruftis oder Glühwürmchen bezeichnet, haben Sie vor einigen Jahren die schwarze Clubszene gestürmt: Die Cyber-Gothics.

Mir persönlich war es sehr wichtig, möglichst früh in dieser Serie auf diese Stilrichtung einzugehen, da ihnen viele Vorurteile und negative Assoziationen entgegen gebracht werden und ich an dieser Stelle dieses kontroverse Thema  einmal etwas näher beleuchten möchte.

Woher kommt Cyber-Gothic?

„Cyber“ an sich gibt es schon sehr lange. Ich erinnere mich, dass es schon vor über zehn Jahren bei X-tra-X eine Kategorie „Cyberwear“ gab. Diese beinhaltete schon Goggles, Leder- und Lackbekleidung und Kleidung, die ans Militärische angelehnt waren. Diese Art von Cyber ging tatsächlich auf den Cyberpunk zurück und ist assoziiert mit Bladerunner und auch dem damals recht populären Shadowrun.

Cyber Gothic entstand  wohl 1988, angestoßen durch das Spiel „Dark Future“ von Games Workshop, welches allerdings ebenfalls auf Cyberpunk basiert.  Hinzu kamen diverse Einflüsse aus Rave und anderen Stilrichtungen, die in ihrer Kombination aus verschiedenen Stilelementen zum heutigen Cyber führten.

Warum Cyber-GOTHIC? 

Mit Gothic hat dieser Stil an sich nichts zu tun. Die gehörte Musik ist zum Teil überlappend und man kann sagen, dass viele Cyber-Gothics auch Anhänger der schwarzen Szene sind und auf diesem Weg dorthin gekommen sind.

Bands wie AGOINOIZE, NOISUF-X spielen auf den großen Gothic-Festivals und auch Hocico, Suicide Commando, SITD und Solitary Experimets gehören dazu. Schon alleine deshalb ist es schwer, beide Szenen konsequent zu trennen.

Was macht Cyber-Gothic aus?

Bei Cyber geht es in erster Linie um die Outfits, die Musik, Parties und Tanzen. Das Szenario ist postapokalyptisch, geht also von einer Gesellschaft aus, wie sie nach dem „Weltuntergang“ aussehen könnte. Wichtige Elemente sind Goggles, ggf. um sich vor Strahlung zu schützen, Mundschutz oder Gasmaske gegen verpestete Luft, Biohazard- und andere Gefahrenzeichen, häufig Plateuaschuhe und eben die auffälligen Cyberfalls, bestehend aus Dreads, Foamies (Moosgummi) oder Cyberloxx (ursprünglich rundes Geschenkband). Auch andere Dinge können eingeflochten werden, wie Rexlace, Schläuche, Ketten, Anti-Rutschmatten…

Aus reiner Neugier meldete ich mich vor etwa zwei Jahren selbst in einem Cyber-Forum an. Ich wollte mehr wissen, was es denn damit auf sich hat und nicht in das Gemoser meines Umfelds einsteigen, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht.

Ich muss sagen, ich traf eine sehr nette, offene, lebendige Community an, ein vorbildlich geführtes Forum und Menschen, die unglaublich kreativ sind. Alles wird selbst gemacht. Mühevollst werden Goggles mit LEDs gefertigt, stundenlang Dreads gefilzt, Kleidung selbst genäht und Atemmasken selbst gemacht.  Für Cyber gibt es bei uns sehr wenig zu kaufen, die Meisten machen wirklich alles selbst. Kaum ein Aufwand ist dabei zu groß.  Es werden untereinander Styling Tipps ausgetaucht, Outfitberatungen durchgeführt und neue Ideen gepostet. Man findet zahlreiche Tutorials. Die Cyber wissen, dass es bei ihnen hauptsächlich um die Kleidung geht- und tun nicht so, als sei es mehr.

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 Gleichzeitig versucht diese Szene auch sich selbst zu finden und zu positionieren. Es gibt Diskussionen darüber, ob es für einzelne vielleicht doch mehr ist, als eine Partybewegung. Zum Beispiel spielt der Gedanke hinein, dass wir durch unser Verhalten auf eine globale Katastrophe zusteuern könnten. Es beinhaltet Kritik über Umweltverschmutzung, den Umgang mit Radioaktivität und Biowaffen.

Generell scheint in unserer Gesellschaft die postapokalyptische Welt ein aktuelles Thema zu sein: Waren vor ein paar Jahren noch Filme wie „Knowing“ und „2012“ die uns beschäftigten, sind es jetzt hauptsächlich Filme, die „die Welt danach“ thematisieren. Einige Beispiele sind After Earth, Oblivion usw. War vor einigen Jahren der gesellschaftliche Untergang noch eine Option, gehen wir heute quasi davon aus, dass es ihn geben wird. In diese Kerbe schlägt auch Cyber, welches eine Vision einer postapokalpytischen Gesellschaft darstellt.

Cyber und die „schwarze Szene“

Ich habe diverse Trollangriffe in diesem Forum miterlebt. Von Menschen, die sich nur angemeldet haben, um ihren Unmut kund zu tun, um es mal ganz abgeschwächt auszudrücken. Ich habe mitbekommen, wie vielen heftigen Anfeindungen die Cyber ausgesetzt sind und das häufig aus Unkenntnis und einem diffusen und unbestimmten Traditionalismus, nach dem Motto „Ihr macht unsere Szene kaputt“.

Einige Cyber tragen mittlerweilutfits nicht mehr, da sie sich den permanenten Anfeindungen nicht mehr aussetzen wollen.

Was ich schockierend finde, nach wie vor, sind Schilder mit der Aufschrift „Halte deine Szene sauber“ mit durchgestrichenen Cyberpiktogrammen.

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Es ist erschreckend, wie bereitwillig sowas innerhalb der Szene toleriert und gar unterstützt wird. Die Cyber alleine als Sündenböcke für Veränderungen innerhalb der Szene heranzuziehen ist meiner Meinung nach nicht berechtigt.

Zum Abschluss: Was den oftmals kritisierten Tanzstil angeht- ich habe den Eindruck, dass mittlerweile auch viele Gothics sich Elemente dieses Tanzstils aneignen. Früher überwog das Bild in den Clubs der sich eher langsam bewegenden Menschen, heute zappeln viele fröhlich mit. Sogar Shuffle findet seinen Weg in die Clubs.

Solange mich niemand auf der Tanzfläche durch wildes Fuchteln erschlägt, soll es mir recht sein.

In diesem Sinne: Halte deine Szene tolerant!

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About >puregatory<

Ich bin ein Mensch für den Musik eine wichtige Rolle im Leben spielt.... wie heisst es so schön ... da wo Worte nicht mehr weiter wissen, setzt die Musik ein .. da ist was wahres dran. Ich schreibe gerne , lese, fotographiere. Schreibe selber Gedichte und Songtexte für diverse Künstler. Sich weiter zu entwickeln finde ich sehr wichtig , denn ich bin der Meinung still zu stehen macht einen auf Dauer krank. Wer irgendwelche Fragen an mich hat, kann mich gerne kontaktieren.

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  • ich persönlich (Blackrose010) finde diesen bericht mal richtig klasse…. alles ganz klar und kurz zusammen gefasst.zudem kann ich mich auch der -schlussmeinung anschließen.

  • Franka Frankenhooker

    Finde den Artikel echt super! Gehöre selbst in „beide“ Welten, wobei es für mich immer noch eine Szene ist. Schön das alle Seiten beleuchtet werden und nichts negativ dargestellt wird.

  • Steffen

    Super Artikel, kurz und präzise .
    Toleranz gibt es in der Schwarzen Szene ja kaum noch, zumindest bei den wenigsten.

  • Arachnoire

    Daumen hoch für eine etwas differenziertere Sichtweise als die, die man sonst so liest. Ich bin zwar kein „Cyber“ aber mich stören sie nicht im geringsten. Und was den Tanzstil angeht, stelle ich fest, dass sich a) viele ohnehin an den Rand zurückziehen um niemanden zu stören und sie b) dann auch ein sehr gutes Körpergefühl haben. Schlussendlich ist es mir ohnehin lieber, dass sie tanzen und nicht einfach stur dastehen, wie man ja gerade auf Konzerten häufig beobachten kann…. 🙂