Verlustprinzip - Ganz Nah Am Licht - Albumcover

Verlustprinzip – Ganz Nah Am Licht (Review & Kritik)

Verlustprinzip - Ganz Nah Am Licht - Albumcover

Verlustprinzip ist ein Projekt aus Berlin, welches man wohl dem Genre der Neuen Deutschen Todeskunst zuschreiben kann. „Ganz nah am Licht“ ist das zweite Album des Trios und enthält neun Tracks, bei denen die Texte eindeutig im Vordergrund stehen. Verlustprinzip machen nicht einfach Musik. Für das Album „Ganz Nah Am Licht“  muss man sich wirklich Zeit nehmen und die Texte auf sich wirken lassen. Hier lohnt sich eine Analyse aller einzelnen Stücke

Mal Krach, mal weiche Synthies und durchgehend psychedelische Klänge unterlegen „Wir Freuen Uns“. Die Stimme von Sänger Timo ist stark verzerrt und spricht relativ monoton und hell eine Begrüßungsformel an die Zuhörer. Er  kündigt an, dass man sich jetzt in eine andere Welt begeben wird.

Tod Wie Stein“ thematisiert in abgewandelter Form den Sündenfall und bringt das häufig aufgeführte Zitat vom willigen Geist und schwachen Fleisch. Das lyrische Ich ist von diesem Sündenfall schwer betroffen. Hier bleibt viel Interpretationsspielraum offen. Ist das Ganze religiös angehaucht oder empfindet das lyrische Ich einfach nur Trauer, weil sich ein geliebter Mensch zugunsten materialistischer Werte von ihm abgewendet hat? Oder meinen sie doch etwas ganz Anderes? Schwer zu sagen…
Musikalisch wird das Ganze mit schrägen Synthies, einem fortlaufenden, scheppernden Drum-Beat und einem dumpfen Bass-Thema, gespielt von Bassist Jens, begleitet.

Reflexion“ erinnert stilistisch wieder stark an den ersten Track. Und auch thematisch wird es hier wieder ein wenig abstrakt. Das Stück beschreibt die Magie eines sehnsüchtigen Augenblicks.

Der Titel „Inneres Kind“ spricht schon für sich: Wir alle tragen eine Seite in uns, die wir nur allzu gern mal verleugnen. Es macht uns aber krank, wenn wir uns nicht selbst akzeptieren können. Sich selbst vollständig zu erkennen und auch so zu akzeptieren, mag ein schmerzvoller Weg sein, ist für ein erfüllendes Leben aber unumgänglich.
Die tiefe, monotone, sehr langsam und bedacht  sprechende Stimme wird von wird von ruhigen, meditativen Klängen begleitet, die aber gleichzeitig auch wieder beunruhigend wirken, wenn mit den Industrial-Drums düstere Akzente gesetzt werden.

Denken“ hat einen verhältnismäßig schnellen Beat, auf den man sogar tanzen könnte. Der Track beschreibt einen Zustand, den wir wohl alle kennen: Man wird von einem Gedanken beschäftigt, der einen nicht mehr loslässt und man schafft es einfach nicht, „abzuschalten“. Das lyrische Ich würde das Denken gern gegen Erfahrungen austauschen und z.B. gern neue Menschen treffen, aber als dies geschieht, kann es damit nichts anfangen, da die Aussagen dieser Person nicht in das Denkmuster des lyrischen Ichs passen. Es scheint sehr stark in Mustern und Strukturen gefangen zu sein, denn es kann auch seine Umwelt nicht einfach nur wahrnehmen und genießen. Es spricht über die Versuche, seine Umwelt auch emotional wahrnehmen zu können, wobei das Resultat immer wieder dasselbe ist „Nicht möglich“. Dieser Zustand belastet das lyrische Ich und drängt es in die Todessehnsucht.
Die musikalische Untermalung bildet in harmonischer Hinsicht eher einen Kontrast zum Text, denn die Melodie ist alles andere als melancholisch. Der Beat und die Klangfarben schaffen jedoch nahezu perfekt eine mechanische Atmosphäre, in der sich dieser „Maschinenmensch“ bewegt.

All Diese Wesen“ entführt uns in die Welt der Astralreisen. Der Mensch soll aus seinem Körper, der Hülle, die ihn gefangen hält, austreten.
Musikalisch wird hier wieder ein schöner Kontrast geschaffen: Sehr helle und fröhliche Synthies stehen einem abwärts laufenden Bass gegenüber. Der Beat ist durchgängig und im mittelmäßigen Tempo gehalten.

Verlustprinzip spielen nicht nur mit Texten und Klängen.

Naturpoet“ beschreibt eine bestimmte Sorte Mensch: Den schwarzromantischen Misanthropen, der sich von der Natur inspirieren, ja sogar gefangen nehmen lässt. Er sucht eine Beschreibung für die Welt und einen Ausdruck seines Inneren selbst. Er geht in seiner Dichtung völlig auf und verbringt dichtend und träumend die Nacht. Als der Morgen anbricht, ist der Zauber der Nacht verschwunden. Der Naturpoet wird in die Realität zurückgerissen und zerbricht am Alltag. Musikalisch erinnert dieser Track wieder ein wenig an „Inneres Kind“.

Nachtlicht“ ist vermutlich eine Metapher für das Überwinden von Ängsten, die der Selbstverwirklichung im Weg stehen. Ist dieser Schritt der Überweindung erst einmal getan, ist der Weg frei für neue Wünsche und Träume, die dann Wirklichkeit werden können.
Musikalisch fällt hier auf, dass in dem sehr ruhigen Stück sehr viele Metall-Klangeffekte verwendet werden: Glocken, aber auch eine Triangel und andere Geräusche, die sich anhören, als würde man auf ein Stück Metall schlagen.

Manchmal“ ist der letzte Track des Albums und besteht eigentlich nur aus zwei Textzeilen: „Manchmal ist es schwer zu lächeln, manchmal ist es schwer zu verstehen.
Manchmal lauf
‘ ich der Zeit hinterher, manchmal wünschte ich, ich wäre niemals hier gewesen.“
Mit diesen Worten lässt sich auch die Essenz der Platte ganz gut beschreiben, denn diese scheint den Facettenreichtum der Lebenskrise eines Andersdenkenden zu beschreiben

Fazit: Vermutlich befasst sich dieses lyrische Kunstwerk mit der Fremdheit in dieser Welt, gepaart mit dem Gefangensein in den Denkstrukturen – seines es die eigenen oder die der Umwelt –  wobei permanent der Wunsch besteht, aus dieser Welt und auch aus der selbst auferlegten Gefangenschaft durch Ängste auszubrechen.
Mit der psychotischen Musik, die aus der Feder des Hauptkomponisten André stammt, wird Timos charismatische Stimme perfekt untermalt und der innere Konflikt, der ja eigentlich aus abstrakten Gedanken besteht, erhält plötzlich eine Form.
Die Arbeit, die in das Erstellen dieser Klangcollagen gesteckt wurde, sowie die lyrische Finesse verdienen volle 10 Punkte!

Tracklist:
1. Wir Freuen Uns
2. Tod Wie Stein
3. Reflexion
4. Inneres Kind
5. Denken
6. All Diese Wesen
7. Naturpoet
8. Nachtlicht
9. Manchmal

(10 von 10)

Anspieltipps:
Denken, Naturpoet, Nachtlicht

Erscheinungsdatum:
Bereits erschienen

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About Mustaveri

Alter: 28 Beruf: Übersetzerin (freiberuflich) Lieblingmusik: Metal (Death, Dark, Black, Thrash, Symphonic, Gothic) Hobbys: Musik, Sport, Schreiben, Kunst, Kochen

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