Volkstrott - Im Angesicht der Barbarei

Volkstrott – Im Angesicht der Barbarei (Review und Kritik)

Volkstrott - Im Angesicht der Barbarei
Volkstrott - Im Angesicht der Barbarei

Im März 2007 ging Volkstrott mit dem Debüt-Album Todeskunst an den Start. Ende November 2008 ist nun die zweite CD, Im Angesicht der Barbarei, erschienen, und es ist an der Zeit, mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen, ehe man sie womöglich unter falschen Vorzeichen hört.

Volkstrott ist kein Newcomer. Tatsächlich wurde die Band bereits 1999 mit dem Namen Volxtrott gegründet, damals stark vom Folk-Punk beeinflusst. 2001 gab es eine, durch einige Umbesetzungen nötig gewordene, musikalische Pause, in der man sich auch musikalisch umorientierte und vom Punk entfernte. Bereits 2002 erschien die selbst produzierte Mini-CD Lebenswürdig, 2004 wurde Im Schatten auf dem Sampler Return to Light – Vol. 1 veröffentlicht. 2005 folgte die ebenfalls selbst produzierte Mini-CD Spielsucht und 2007 Todeskunst. Aktuell besteht die Band aus sechs Musikern: LeBen – Gesang, Ronny – Dudelsack, Stefan – Bass, Ina – Violine, Micha – E-Gitarre und Benjamin – Schlagzeug.

Bei diesen Instrumenten erwartet man automatisch Mittelalter-Rock, und so steht es leider auch häufig in den Rezensionen. Verständlich, da Volkstrott schon mit vielen Großen der Szene wie etwa Letzte Instanz, Corvus Corax, Schandmaul oder Subway to Sally gemeinsam aufgetreten ist und tatsächlich vereinzelt Anklänge an etwa Subway to Sally oder In Extremo herauszuhören sind. Doch Violine und Dudelsack alleine machen noch kein Mittelalter! Am ehesten lässt sich das, was hier geboten wird, wohl als Metal mit Folk-Rock- und Punk-Elementen beschreiben, inhaltlich leicht sozialkritisch und eindeutig auf das Hier und Jetzt bezogen.

Todeskunst hatte ich nach dem ersten Hören eigentlich eher als durchschnittlich bewertet, musste dann aber feststellen, dass ich die CD mit jedem Mal irgendwie besser fand. So war ich sehr auf das zweite Album gespannt und kann inzwischen sagen: Das Warten hat sich gelohnt! Wirkte die erste Scheibe noch ein wenig unharmonisch und erweckte den Eindruck, als wisse die Band noch nicht so ganz genau, wo sie hin will, so ist Im Angesicht der Barbarei ein geschlossenes Ganzes und zeigt, dass die Musiker ihren eigenen Stil gefunden, die Lust am Experimentieren aber noch nicht verloren haben. Auch die Texte, die sich bei dem Debüt noch zu oft in endlosen Wiederholungen erschöpften, sind ausgefeilter und tiefgründiger geworden und LeBens Gesang selbstbewusster. Die Songs sind, wie gehabt, größtenteils fetzig und mitreißend, immer dominiert von Geige und Dudelsack.

Den Auftakt macht das eingängige Zusammen Allein, welches von der Einsamkeit des Musikers erzählt, der von den einen geliebt, von den anderen gehasst, aber auf jeden Fall im Morgengrauen alleine gelassen wird. Von der Message mag man halten, was man will – das Stück lädt jedenfalls zum Tanzen ein und hat Ohrwurmcharakter.

Paradies ist genau das Gegenteil von dem, was der Titel erwarten lässt, nämlich eine Anklage der Verlogenheit unserer Gesellschaft. Wem das nicht passt, der kann sich trotzdem an den fetzigen Rhythmen freuen.

Eines meiner Lieblingsstücke ist Der Tod ist in der Stadt, das scheinbar harmlos a capella mit den makaberen Zeilen beginnt:

Hurra! Hurra! Der Tod ist in der Stadt
Und wir sind alle eingeladen!
Keiner weiß, wen er heut auserkoren hat.
Ich freue mich schon, im Blut zu baden!

Hier ist übrigens auch Ben Richter von Thanateros als Gastsänger dabei.

Der Titelsong Im Angesicht der Barbarei knüpft inhaltlich an Paradies an (Refrain: Wofür lebst du, wofür stehst du, wofür kämpfst du im Angesicht der Barbarei?!), ist aber geringfügig getragener.

Regelrecht lyrisch und schwarz-romantisch wird es in Kein Weg zurück:

Wir durchschreiten die Wälder, die die Seelen beschatten
Welche Herzen kühlen, wuchernd gar tief im Gefühl
Und erwecken die Geister, fordern sie zum Reigen
Tanzen eine Lichtung in das Astwerk aus Leid

Doch was sich als reiner Text ziemlich kitschig liest, wird, wie auch das nachfolgende Am Berge, musikalisch und durch die ausdrucksstarke Stimme LeBens gerettet.

Ruhig geht es weiter mit dem wunderschönen Liebeslied Tiefer als das Meer.

Lebenswege irritiert durch einen anfangs englischen Text, der zumindest sehr merkwürdig, um nicht zu sagen: falsch, klingt. Für meine Begriffe ein eher störendes und überflüssiges Stilelement, das auch im anschließenden Ohne Zweifel wiederholt wird, sich dort aber besser einfügt.

Mit Ich liebe mich wird noch einmal Power gegeben, ehe der krönende Abschluss kommt: Der Knabe im Moor. Manchem mag der Titel vertraut klingen. War da nicht mal was … in der Schule … so ein oller Klassiker? Genau! Das hätte sich die gute Annette von Droste Hülshoff bestimmt nicht träumen lassen, dass eines ihrer Gedichte mal von einer Metal-Band vertont wird …

Der Knabe im Moor ist für mich das absolute Highlight der CD, auch wenn die Ballade völlig aus dem Rahmen des Volkstrott-Typischen fällt. Zwar sind große Teile gekürzt, doch gewinnt der Text eher dadurch, dass Verweise auf heutzutage weitgehend unbekannte Spukgestalten entfallen. Nur die „verdammte Margret“ taucht ganz am Rande noch auf. Die unheimliche Stimmung wird alleine durch die Landschaftsbeschreibung erzeugt, und bei LeBens eindringlichem Sprechgesang, von der klagenden Geige und dem Dudelsack untermalt, sind mir doch tatsächlich ein paar Schauer über den Rücken gelaufen!

Fazit:
Volkstrott überzeugt durch musikalische Qualität, die auch über gelegentliche textliche Schwächen leicht hinwegtrösten kann. Allerdings muss man sich darauf einlassen – Im Angesicht der Barbarei ist ein Album, das, genau wie Todeskunst, auf jeden Fall mehrmals gehört werden sollte, ehe man ein endgültiges Urteil darüber fällt. Wer Folk, Mittelalter und Metal mag, sollte sich diese Band auf keinen Fall entgehen lassen! Ich bin sicher, dass wir von ihr in Zukunft noch mehr hören werden.

Und für diejenigen, die jetzt immer noch unschlüssig sind, sei ein Besuch auf der MySpace-Seite empfohlen, wo es ein Snippet gibt, in dem alle Lieder kurz angespielt werden. Komplett kann man sich außerdem noch Zusammen Allein und einige ältere Stücke anhören.

( 8 / 10 )
( 8 / 10 )

Release:
21.11.2008


Volkstrott im Web:
Homepage
MySpace




Tracklist:

  1. Zusammen Allein
  2. Paradies
  3. Der Tod ist in der Stadt
  4. Im Angesicht der Barbarei
  5. Kein Weg zurück
  6. Am Berge
  7. Herzenslust
  8. Tiefer als das Meer
  9. Lebenswege
  10. Ohne Zweifel
  11. Ich liebe mich
  12. Der Knabe im Moor

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