Watchmen

Watchmen – Film (Filmkritik, Kritik und Review)

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Superhelden haben seit jeher das Laster der Makellosigkeit zu tragen. Und es gab mal eine Zeit, da waren diese Superhelden in der Tat noch rechtschaffen und tugendhaft.  Doch bereits seit einiger Zeit zeichnet sich im Genre der Comicverfilmungen eine Wandlung des klassischen Superhelden ab.

Es ist als ob Hollywood einen Abgesang auf das Superheldentum hinaufbeschworen hätte – Der Sturm der Postmoderne lässt auch die Böden unter den Füßen der Comicheroen erzittern. Was zaghaft in Sam Raimis Spiderman 3 begann,  wo Spinnenmann Peter Parker sich mit den destruktiven Mächten seiner eigenen Geltungssucht konfrontiert sah, erreichte seinen vorzeitigen Höhepunkt in Christopher Nolans düsterem Opus „The Dark Knight„, in welchem ein gespaltener maskierter Rächer sich seinen Schützlingen entziehen muss,  um eben jene zu schützen.


Die  Comicleinwandadaptionen sind nicht bloß erwachsen geworden, sondern geradezu alt, gebrechlich und desolat. Was also kann dann noch kommen ?

Comicenthusiasten wissen worauf ich hinauswill – „Watchmen„,  die berühmte Graphic Novelle aus der Feder von Kultautor Alan Moore ( der sich auch etwa verantwortlich zeichnet für „Die Liga der aussergewöhnlichen Gentlemen“ und „V wie Vendetta„), welche als einzige die Literatur-Top-100 List des US-Time Magazines erklomm und lange Zeit als unverfilmbar galt.

Zwar wurden die Filmrechte noch im Veröffentlichungsjahr (1986) verkauft, und zahlreiche namhafte Regiesseure wie Aronofsky (Pi, The Wrestler),  Gilliam (Brazil) oder Greengrass (Die Bourne-Trilogie) wagten sich an den hochexplosiven Stoff, doch sollten noch zwei Jahrzehnte verstreichen, bis man in  Jungtalent Zack Snyder (300, Dawn of the Dead Remake) seinen Meister gefunden hat.

Der Druck der Comicgemeinde war beachtlich, die Skepsis immens hoch – Doch was lange währt, wird endlich gut.  Mit einer virtuosen Inszenierung, einem berauschenden Bilderfest und durchwegs anspruchsvollem Erzählstrang begeistert die Verfilmung von der ersten Minute an, zumal die Brutalität und das raue, abgründige Klima der Vorlage nahezu perfekt auf die Leinwand zugeschnitten wurde.

Wir befinden uns in einer alternativen Realität des Jahres 1985 :

Vietnam wurde von den USA besiegt, und Präsident Nixon erlebt seine nunmehr fünfte Amtswahl.

Der Kalte Krieg hält an, und Russland ist nach wie vor der Aussenpolitische Gegner. Der nukleare Aufrüstungswettstreit zwischen den USA und der Sowjetunion nimmt bedenkliche Dimensionen an, die Lage steht kurz vor der Eskalation. Das aktive Agieren der Superhelden steht  seit dem Keenan-Act  von 1970 unter Strafe. Die ersten von ihnen tauchten Ende der ´30er Jahre auf, animiert durch den sensationellen Erfolg der ersten Superhelden-Comics.  Sie waren schlichte, maskierte Verbrechensbekämpfer ohne besondere Fähigkeiten und taten sich später zu den Minutemen zusammen, einer Frühform der Watchmen. Bis zum Ende der ´50er Jahre traten sie jedoch nach und nach freiwillig oder unfreiwillig in den Ruhestand. Anfang der 60er tauchte jedoch eine neue Generation der Superhelden auf, ausgerüstet mit entsprechenden technischen Gimmicks und/oder tatsächlichen Superkräften. Durch ihre Form der Selbstjustiz gerieten sie Anfang der 70er zunehmends in die Kritik , weshalb sie zuletzt vor die Wahl gestellt wurde, ihr Superhelden Leben vollends aufzugeben oder aber sich in den Dienst der Regierung zu stellen. Während eine Fraktion sich nun tatsächlich für das bürgerliche Leben entschied (Night Owl II und Silk Spectre), widmeten sich andere der Forschung (Dr. Manhattan), oder dem Geheimdienst (The Comedian), wieder andere ließen ihre Masken fallen und vermarkteten ihre Superhelden-Vergangenheit und erwirtschafteten damit ein Vermögen (Ozymandias). Einer hingegen ließ keinerlei Kompromisse zu und ging in den Untergrund, um dort weiter gegen die Unterwelt zu kämpfen (Rorschach).

Soviel zur Hintergrundgeschichte, die zwingend für das Verständnis der Geschichte erforderlich ist, und im Film in Rückblenden erzählt wird.

Aber nun zurück in die 80er : Die Katastrophe ist kaum abzuwenden – weder der  wegen eines Strahlenunfalls zum gottgleichen Wesen (Dr. Manhattan) mutierte Physiker Jon Osterman, noch die maskierten Watchmen, die aufgrund des erlassenen Staatsbeschlusses nur einen sehr eingeschränkten Handlungsfreiraum besitzen, können etwas dagegen unternehmen. Die „Ruhe“ wird jedoch abrupt gestört, als  ein vermummter Attentäter in das Appartment des „Comedians“ einbricht,  und den alternden, von Nihilismus und Jähzorn geplagten „Helden“  ermordet.


Der skrupellose Comedian in Aktion
Der skrupellose Comedian in Aktion


Der letzte noch verbliebene, aktive Vigilant,  der misanthropische Rorschach, hinter dem ganzen eine Verschwörung wittert, die es auf die Watchmen als Ganzes abgesehen hat. Fortan begibt sich der psychopathische Antiheld mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn auf die Suche nach den Mördern.  Mithilfe seiner mitunter sehr unterschiedlichen Ex-Kollegen wie Dan Dreiberg alias Night Owl II,  Laurie Juspeczyk alias Silk Spectre II und dem klügsten Menschen der Welt, Adrian Veith oder Ozymandias, kommt er einem gänzlich unerwarteten und schrecklichen Geheimnis auf die Spur.


Dieses zugegebenermaßen sehr pathetische und zugleich programmatische Intro wirkt nötig um das Moore´sche Alternativuniversum entsprechend einzuleiten – Begleitet von dem Bob Dylan Song „The Times There are A-Changin´“ steht der Song hier zugleich Pate für den Fluch der Progression und lässt ein gewisses Maß an Wehmut im Zuschauer zurück.  Zu den groben, aber doch filigranen Klängen der Mundharmonika gesellt sich das beängstigende Zeugnis Rorschachs  in seinen finst´ren Worten:

„All die Huren und Politiker werden heraufschauen und schreien: Rette uns. Und ich werde flüstern: ‚Nein‘!“


Der furcheinflössende Rorschach
Der furcheinflössende Rorschach

Der Film hält bis zum Ende an seinem konzeptuellen, roten Faden fest – Das Superheldengeschlecht wird in Gänze entmystifiziert und entheroisiert. Wir haben hier keinen strahlenden Sieger mit einem breiten Lächen auf dem Gesicht – Was wir hier haben ist eine fast schon sarkastische Manifestation gesellschaftlicher Randgruppen in omnipotenten Allmachtsidealen – Die vermeintlichen Helden in Watchmen sind Kriegsverbrecher und Vergewaltiger,  Vorzeigephlegmatiker und Psychopathen oder aber Kapitalisten in Reinkultur. Die Existenz von Dr. Manhattan wird in Folge zu Propagandastischen Formulierungen eines militaristischen Staates genutzt : „ Gott ist echt, und er ist Amerikaner“


Hat der alte DC-Haudegen  Superman sich noch den Patriosmus auf die Stirn geschrieben,  driftet Dr. Manhattan zunehmend in (wortgemäße) Weltfremdheit ab und löst das Band zu allen irdischen Belangen.  In aller Konsequenz der Materialabstinenz läuft er fortan nur noch vollkommen entblößt durch das Bild, außer natürlich zu gesellschaftlichen und medienwirksamen PR-Auftritten.  Dem konservativen Weltbild der Amerikaner in ihrer sexuellen Prüderie begegnet Zynder spöttelnd, indem er ständig das hell strahlende, blaue Gemächt durchs Bild wandern lässt.  Die bissige Selbstreferenz auf den klassischen Superhelden-Comic wirkt intelligent und durchdacht und funktioniert auch im Film hervorragend.


Natürlich können die ausgefeilten Charakterprofile und die detaillierte Erzählstruktur der Vorlage nicht in 3 Stunden Spielzeit untergebracht werden, weshalb man die Vorgeschichte und die ersten Gehschritte als ein Rückblenden-Konglomerat realisiert hat,  was zur Folge hat, dass einem die Geschichte stellenweise recht langatmig erscheinen mag, da der Plot kaum vorwärts kommt.

Und auch wenn Znyder das wuchtige Handlungsgerüst des Originals an vielen Stellen ein wenig komprimiert, so verkommt der Film niemals zum überbordend actionlastigen Popkorn-Kino, auch dann nicht, wenn er erst richtig Fahrt aufnimmt, denn trotz aller Nebenstränge behält Zynder unerbittlich Kurs auf das Finale.


Watchmen
Watchmen


Optisch macht der Film einiges her, atmosphärische und liebevoll aufgemachte Sets sind hier die Regel und lassen den geneigten Zuschauer wahrlich in die düster-verregnete Welt von Watchmen eintauchen. Und auch die Kostümdesigns tragen ihr übriges zu dieser Tatsache hinbei.

Besonders Rorschachs Auftreten (verstaubter Trenchcoat mit Melonenhut)  könnte glatt einem Film Noir-Machwerk entsprungen sein, würde nicht die geheimnisvolle Maske mit den wandelnden Tinten-Testmustern sein Antlitz verzieren. Doch das wahre Schmankerl kommt erst hinter der Maske zum Vorschein,   Jackie Earle Haley mimt den eiskalt berechnenden Psychopathen auf beängstigende Art und Weise nahezu in Perfektion. Der Score ist wohl nicht weiter nennenswert,  dennoch greift der Film auf  ein reichhaltiges Portfolio an alten Evergreens zurück:

Ob nun das grandiose Finale  mit Jimi Hendrix‘ „All Along The Watchtower“ oder zum Begräbnis des Comedian mit Simon & Garfunkels „The Sound Of Silence“  aufgewartet wird – der Einsatz kontemporärer  Musik ist stilsicher, präzise und effektiv. Gerade der unbeholfenen Beziehung  zwischen Laurie und Dan verpasst ein völlig unerwarteter Auszug aus Nenas „99 Luftballons“ eine ordentliche Portion subtilen Humor.


Fazit : Nun, was bleibt zu sagen ? Die Schauwerte können sich sehen lassen, ebenso der großartige Cast.

Die Handlungsstränge sind vielschichtig und auf das Medium Film absolut perfekt angepasst.

Bleibt zu sagen, dass Zartbesaitete den Film aufgrund expliziter Gewaltszenen und des düster-vertrackten Grundtenors vielleicht lieber meiden sollte. Allen anderen empfehle ich diesen Film uneingeschränkt. Zack Snyder hat seine dritte Regiearbeit mit Bravour gemeistert, und dafür bin ich ihm, als Fan der Vorlage, zutiefst dankbar.


( 9,5 / 10 )
( 9,5 / 10 )

Originaltitel: Watchmen

Genre: Comicaction/Drama

Verleih: Warner Bros, USA 2009

Kinostart:  05.03.2009

Offizielle Webpräsenz:

www.watchmenmovie.warnerbros.com


About Rostig

Alter: 23 Beruf: Student Lieblingmusik: Querbeet Hobbys: Musik, Videospiele, Filme, Schreiberei, Kunst

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