WAVE GOTIK TREFFEN 2015

Vom 22.05.2015-25.05.2015 trafen sich dieses Jahr wieder tausende Mitglieder der schwarzen Szenen zur weltgrößten Szene- Messe, dem 24. WGT in Leipzig.

 

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Dass es sich viel mehr um eine Szenemesse handelt, denn um ein Festival, dürfte sich inzwischen auch bis zum letzten Medienverweigerer rumgesprochen haben, denn diese Veranstaltung beschränkt sich nicht statisch auf eine Bühne mit einer Hand voll Ess- und Marktständen drum rum. Nein! Das WGT ist ganz Leipzig. Kinos, Museen, Theater, Varietés, Konzerthäuser, Hotels und viele mehr arbeiten zusammen, dass das WGT jedes Jahr wieder zum unvergesslichen Event wird.

Es ist zu großen Teilen der altbekannten Problematik der Bahnstreiks geschuldet, dass die heiligen Hallen des AGRA- Messegeländes, dem Herz der Veranstaltung, dieses Mal, im Jahr vor seinem Jubiläum dennoch nicht vollkommen aus den Nähten platzten. Doch auch die typischen Autobahnbaustellen machten vielen Besuchern schon vor der Ankunft an unserem geliebten “ schwarzen Mekka“ den Garaus. So trug es sich sicherlich nicht nur bei uns zu, dass man für eine Strecke von normalerweise 4,5 Stunden nun satte, nervtötende 8 Stunden benötigte…meist in Affenhitze.DSC02166

Jedoch war das Ziel durchaus die Mühen und Strapazen wert! Mit mintgrünen Bändchen wurden die Pilger am Eingang empfangen. Schon hier war klar, dass auch die Eisenbahngewerkschaften es nicht schaffen würden, den Besuchern die Stimmung zu rauben. Auch die Securitys waren im Allgemeinen bester Laune beim Einlass. Auf dem Catwalk warteten, wie jedes Jahr, viele verschiedene Futter- und Getränkestände. Von Crêpes über Candystand, vegetarisches bis hin zu heimischen Leckereien wie dem beliebten Mutzbraten war hier alles zu bekommen. Bei Bier, Absynth, Softdrinks, Kaffee und Met blieben beinahe keine Wünsche offen. Besonders lecker hier der Metslushie mit verschiedenem Sirup. Er half über die sonnigen Momente hinweg, welche allerdings dieses Jahr zum Glück ein wenig rar gesäht waren. Für viele eine echte Wohltat, wenn man 2014 bedenkt. Dank der überaus praktischen, kostenlosen WGT- App für das Smatphone, die dieses Jahr neu war, war es ein Leichtes, sowohl sich seine eigene Unternehmungsliste für das lange Wochenende zu gestalten, als auch, sich DSC02148in der Lieblingsstaft der schwarzen Szene zu orientieren, denn es stand bei den einmerkbaren Unternehmungen nicht nur Zeit und Genre, sondern auch Adressen und bei einer anderen, nicht kostenfreien, App auch eine Wegbeschreibung dabei. So gut gerüstet war bereits das fulmnante Konzert von Deine Lakeien am Freitag Abend mehr als nur gut besucht. Die Agra bebte und bereits bei Eisbrecher war kein Halten mehr im Publikum. Allerdings auch kaum Atemluft.

Während sich auf der Agra, im Kohlrabizirkus, Moritzbastei, Felsenkeller, im Täubchental und einem halben Dutzend anderer Locations eine fantastische Band sich mit der nächsten die klinke in die Hand gab, bot das weltoffene, freundliche Leipzig alles auf, um es den Besuchern so angenehm und interessant zu gestalten, wie nur irgendwie möglich. Nicht nur, dass sich die Einkaufsstrassen auf das Megaereignis eingestellt hatten, denn die meisten Schaufenster waren stilecht in schwarz mit passenden Accessoires wie Lüstern, Spinnweben und anderen schwarzen „Devotionalien“ geschmückt, nein, auch die Lokale und Spezialgeschäfte rüsteten auf. Hier gab es zum Beispiel schwarze Pizza und schwarze Blumen zu bestaunen und zu kaufen.

Wie jedes Jahr, gab es auch dieses Mal ein umfangreiches und abwechslungsreiches Rahmenprogramm. Die Veranstaltungen und auch die Veranstatungsorte wechseln jährlich und auch täglich immer ein wenig durch. So gab es in disem Jahr keinen „normalen“ Freifilm im Kino, jedoch stattdessen einen überaus interessanten und ausführlichen Filmbericht über den, leider kürzlich verstorbenen, schweizer Künstler und Szenegiganten H. R. Giger und sein Lebenswerk. Auch besonders gut besucht war die Fledermausführung auf dem Südfriedhof und auch die Führung zum Thema „Als der Tod noch zum Leben gehörte“. Hier konnte man schon beinahe nicht mehr von einer Führung, als vielmehr von einer Völkerwanderung sprechen, was im Schatten des Völkerschlachtdenkmals schon ein recht beeindruckendes Schauspiel war, immerhin zog die Gruppe der Interessierten über zwei Minuten an uns vorbei, bis wir uns anschlossen.  Nach so viel Laufen erfrischten sich nicht wenige auf dem Bierfest, das direkt neben dem Südfriedhof stattfand und allerlei erquickliches aus Hopfen und Gerste für die erhitzten Friedhofswanderer bereithielt.DSC02151

Musikalisch gesehen kamen auch die Freunde leiserer Töne voll auf ihre Kosten. Ganz im Sinne der Wagnerstadt Leipzig wurde an zwei Tagen der Ring der Nibelungen aufgeführt und war gut besucht. Die Peterskirche lockte mit einem Chorkonzert und Das Grassi Museum für Musikinstrumente untermalte seine Führungen mit Barockmusik des Vokalensembles parfois parfait und Thierry Gelloz. Für die Fans der härteren Klänge wäre unter anderem der kraftvolle Auftritt der schweizer Band Stoneman zu erwähnen, die mit ihrer unangepassten Art und Weise die Halle leiht füllten und einen kraftvollen Auftakt zum allseits sehnlichst erwarteten Jubiläumskonzert zum 30. der Gothic-Urband Fields of the Nephilim darstellten. Bei letzterem war ein hereinkommen jedoch für hunderte nicht möglich, die sich jedoch gerne die Beine vor der Halle in den Bauch standen, um wenigstens noch einige Klänge aufzufangen, die durch die Hallenwände drangen oder eventuell einen Blick auf die Band zu erhaschen.

Am Nachmittag wurde gern der rege Austausch gepflegt. Hier waren der schwarze Stricknachmittag und diverse Lesungen satirischer, geschichtlicher und einschlägiger Literatur, sowie auch dieses Jahr die Stasiaktensammlung über „Gruftis“ der DDR beliebter Anlaufpunkt. Während all der Zeit pochte der schwarze Puls auf der Agra weiter. In der Halle bietet das Agrakaffee von Jahr zu Jahr mehr Anreiz zu verweilen, denn es gibt nicht nur mehr Sitzgelegenheiten, sondern auch merh Auswahl an Getränken. In der Markthalle nimmt die Menge und Vielfalt an Ständen ebenso stetig zu. Neu hier dieses Jahr unter Anderem der Stand mit der schwarzen Zahncreme für extra weiße Zähne und das schwarze Nagelstudio, das gut besucht war, denn jeder wollte sich doch von seiner besten Seite zeigen. Für alle diejenigen, die über mehr als Kindergröße in Kleidung verfügen (Beispiel: Ein 12 jähriger von völlig durchschnittlicher Größe und Gewicht benötigt bei einigen der Modelabels dort Kleidergröße XXL und andere beginnen mit Größe 28 (!) und enden bei 40), der konnte sich an diversen Ständen mit Schuhen, Waffen, Schmuck, Möbeln, Geschirr oder Accessoires gütlich halten. Einiges sogar dies Jahr zum Nachlasspreis.

Ein absolutes Kulthighlight waren hier die „Pechkekse“. Auch neu im Programm bedienten sie voll den schwarzen Humor. In schwarzem Papier verpackt, mit schwarzem Teig enthielten sie schwarze Zettel, auf denen Dinge stnden wie zum Beispie: „Ab jetzt geht es stetig bergab“. Die Lacher waren auf ihrer Seite. Da gehörten Dinge wie der SM- Shop und der alteingesessene Fangsmith bereits irgendwie zum Inventar.

DSC02160Der Catwalk war wieder einmal ein wunderbarer Spiegel unserer geliebten Szene. In wunderbaren Roben und Outfits flanierten tausende vom Haupteingang der AGRA zum Biergarten am anderen Ende und zeigten der Welt alle Facetten der Farbe schwarz. Es war wie jedes Jahr zu erkennen, dass die Szene mit ihren wunderbaren Idealen in ihrem ewig Jenseitigen lebendig ist, sich entwickelt und erweitert. Der Trend ging dieses Jahr ein wenig „back to the roots“ mit einer großen Zahl an Batcavern. Aber auch der Steampunk ist nach wie vor stark vertreten und läuft den Viktorianern nach und nach den Rang ab. Aber auch sehr viele eigene Interpretationen des Gothic- Wave Gedanken waren zu sehen. Rebellisch und edel, wie die Szene nun mal ist, und boten den Fotografen, die dieses Jahr zahlmäßig allerdings ein wenig rar waren, was ich dem Wetter zurechne, ein tolles, vielfältiges Bild, welches zweifelsohne helfen wird, die Botschaft unserer nun bereits schon recht alten Bewegung in die Welt hinaus zu tragen und zu verbreiten. Hier war besonders schön zu sehen, dass auch immer mehr Kinder mitgehen. Zwar gibt es nach wie vor den WGT Kindergarten, aber immer mehr Eltern nehmen ihre süßen Kleinen in aufwendigen Kleidern und Roben, passend zur eigenen inzwischen auch schon mit. Und das gefällt auch dem Nachwuchs, kann er doch auch die Konzerte besuchen, denn bis 12 Jahre ist der Eintritt überall frei und mithilfe von großen Ohrenschützern in trendigen Farben können auch die kleineren und empfindlicheren Kiddis dennoch ihre Lieblingsbands hören und sehen.

Auch das heidnische Dorf war dieses Jahr wieder vollkommen ausgebucht. Als Highlight konnte man dieses Jahr sogar auf Bestellung per Telefon eine Kutsche mieten. Diese kam und man konnte eine hübsche, kleine Sightseeingtour in angemessenem Rahmen rund ums WGT und durch Leipzig machen. Dies war eine hervorragende Idee, vor allem wenn man bedenkt, dass man, sofern man nicht in Besitz eines Festivalbändchens war, gut und gerne eine Stunde warten konnte, bevor man hinein kam. In den Genuss all der fantastischen musikalischen Darbietungen und Feuershows kamen dennoch viele nicht, denn es war beinahe unmöglich, einen Schritt vor den anderen zu tun, Am besten trafen es all diejenigen, die entweder erst am Abend kamen, oder die sich einfach da, wo sie eben standen, auf den Boden setzten und von dort aus der Musik lauschten, eventuell mit einem Met oder Wein. Wenn man irgendwann dann etwas mehr Platz hatte, bot der Markt mit seinen Ständen einen einzigartigen Anreiz zu kaufen. Auch die Rastaflechterinnen arbeiteten im Akkord um Farbe in die Haare der Besucherinnen zu zaubern.DSC02175

Zur Entlastung des heidnischen Dorfes trug wieder der kleine Mittelaltermarkt an der Moritzbastei bei. Hier staunten Schwarzbunte und Stinos gemeinsam über die Ritterkämpfe mit Schwert und Schild und die Feuershow. Wer nach Konzert- und Marktschluss um Mitternacht noch nicht genug hatte vom Feiern, der konnte zum Beispiel einige verschiedene Tanzveranstaltungen wie den Göttertanz besuchen. Verschiedene DJs, unter anderem auch Dr. Marc Behnecke, der nach seinen inzwischen hoffnungslos überfüllten Vorträgen, die viele seiner Anhänger vor den Toren stehen lassen müssen, sicherlich auch froh ist, mal auf andere Gedanken zu kommen. Jedoch gibt es ja auch diejenigen, denen das Tanzen nur peripher am Herzen liegt. Für diese sei hier mal wieder wärmstens die 80er Party in Noels Ballroom zu empfehlen. Einem urgemütlichen, sehr großen Pub im Herzen Leipzigs. Zwar entlockt dieser bei erster Betrachtung dem einen oder anderen (mir zum Beispiel) schon gerne einmal den Ausruf:“ Hilfe, ich bin in einem f****** Hobbitbau!“, aber wenn man sich in den verzweigten Gängen, an deren Seiten bequeme Sitzecken befindlich sind und deren Decken zum Beispiel mit unzähligen Flaschenverpackungen bedeckt sind, zurecht gefunden hat, möchte man am liebsten gleich dort einziehen. Hier gibt es auch mittendrin ein ummauertes Atrium, welches bei Kerzenschein mehr als ein frisches Pärchen zur angenehmen Mandelmassage verleitete. Der ballroom, dessen Namen der Pub ja auch trägt, ist großzügig und in eleganten Szenefarben gehalten. Hier ist das Highlight ein dekadenter, viktorianisch anmutender Lüster, in dem sich die Farben der Lasershow brechen. Tanzen konnte man hier leider nicht wirklich dieses mal…umfallen jedoch genauso wenig. Dank der unfassbar freundlichen und lustigen Bedienung entspannte sich die Stimmung in no time und neue Freundschaften bahnten sich bei einem mehr als umfangreichen Angebot an Drinks- und bis Mitternacht auch Snacks- zu günstigen Preisen an. Viel zu schnell ging das WGT 2015 wieder einmal zu Ende. Wo Montag Nacht noch die großartige Band Mono Inc eines ihrer berühmt geliebten Konzerte gab, dem hunderte begeisterter Kehlen nicht nur eine Stimme gaben, sondern eigentlich sogar ein Herausschreien der schwarzen Überzeugung,  fungierten am Montag Combichrist als „Rausschmeißer“. Hier wurden noch einmal alle verbliebenen Kräfte motiviert und getanzt, gesprungen und gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Und so war es ja auch. In dichten Trauben konnte man am Dienstag morgen Waver, Goths, Cybers, Batcaver, Steampunks, Mittelalterfans, EBMler, Viktorianer, Vampire und alle anderen Coleurs der Szene die Straßen entlang in Richtung Parkplätze, Bahnhof und LVG schleppen sehen. Es war gut zu wissen, dass all das Gepäck der Gothic Szene gehörte und nicht etwa eine DSC02145Vertreibung im Gange war. Auch wenn die meisten Gesichter so aussahen, als wäre es so. Bereits am Abend waren die ersten Nachrufe auf den Social Medias zu finden. Bilder der verwaisten Locations, der trauernde Aufschrei: „Wo seid ihr alle?“ und die eine Antwort: „Zu weit weg!“ Und auch wenn sich- wie ein bösartiges Krebsgeschwür- dieses Jahr die typisch deutschen Miesmacher mit boshaften, destruktiven und unreflektierten, teils schwülstigen Kommentaren und Ausflüssen im Internet zu überteffen versuchten, entweder um die Szene kaputt zu reden oder um- sehr ungothichaft- diejenigen auszumerzen, die in ihren Augen nicht „artrein“ Gothic sind, warum auch immer, so bieben sie doch am Ende Alleintänzer, als eine Bitte im Netz aufkam:

„Bitte stellt eure liebsten WGT 2015 Fotos ein!“

Und dann zeigte sich, was die schwarze Szene, Wave-Gothic ist. Szene ist:

– Ein Mann, der vor einem kleinen Jungen niederkniet und ihm ein Holzschwert übergibt – Bands auf der Bühne vor riesen Publikum, feiernd, – zwei Frauen in schönen Kleidern mit lustigen Strumpfhosen – Pechkekse – Sehenswürdigkeiten wie das Völkerschlachtdenkmal vor wildem Himmel in elegantem grau – verschieden Stiefelabdrücke im Sand – Iros in bunten Farben.

Aber vor allem immer wieder Bilder von Paaren und Freundeskreisen, sich in den Armen liegend, zueinander passend aufgemacht, glücklich lachend und redend…Szene ist Freundschaft, Nähe, Familie, Gemeinschaft, Seelenverwandschaft, eine gemeinsame, stille Rebellion in Frieden und gemeinschaftlich für Frieden, Gleichheit, Einigkeit, Toleranz…     für eine bessere, bunter-schwarze Welt.

About Steffanie Hilbig

Moin,moin, ich bin die Steffanie Hilbig aus dem schönen Norden. Biologische 36 Jahre alt, über meinen geistigen Alterszustand gebe ich allerdings kein Statement ab. Nachdem das schöne Bayern mich nach der 10. Klasse mit dem schwarzen Löffel im Joghurt entließ-allgemein auch Realschulabschluss genannt, habe ich auf Stipendium Werbegafik und Design studiert. Trotz meiner Arbeit als Assistenz Tanzlehrerin und der zeit, die ich singend auf der Bühne oder boxend in der Halle verbracht habe, waren jeden Tag ein paar Minuten für das Schreiben übrig. Seit ich sieben Jahre war,ist das meine Passion und gipfelte bereits in verschiedenen veröffentlichten Projekten.

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