Lost Classics: Nine Inch Nails – Year Zero

Sieben lange Jahre hat Year Zero von Nine Inch Nails schon auf dem Buckel und ist vermutlich die am sträflichsten übersehene Platte aus der Diskografie von Trent Reznor. Das dieses Konzeptalbum aus dem Jahr 2007 bei uns so unter dem Radar von Musikfans und Presse durchfliegen konnte, wird in erster Linie der hierzulande nicht wahrgenommenen Promokampagne zu verdanken sein, die als sog. „Alternate Reality Game“ während einer laufenden Tournee für das Vorgängeralbum With Teeth für alle mitten aus dem nichts auftauchte.

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Zwar war die Kampagne, eine virale und interaktive Schnitzeljagd, über das Internet erlebbar, doch hatte es die hiesige Musikpresse kaum für nötig gehalten über die in den Konzerthallen gefundenen USB-Sticks mit kryptischen Daten zu einer dystopischen Neo-Future Welt zu berichten, in der Guerillakämpfer gegen ein christlich-fundamentales und totalitäres System kämpfen, dass weder vor Drogen im Trinkwasser, totaler Überwachung durch Denunzierung oder arrangierten Terroranschlägen als Rechtfertigung für harschere Gesetze zurückschreckt.

Themen, die einige Jahre später durch Enthüllungen von Snowden und anderen „Whistleblowern“, ACTA, der digitalen Überwachung durch die NSA oder der zunehmenden Militarisierung der Polizei die westliche Gesellschaft so sehr erschütterten, dass sie mittlerweile in ihren Hastag-Abkürzungen in unseren all-täglichen Wortschatz übergegangen sind.
Selbstverständlich hatten sich Reznor und die von ihm angeheuerte Medienagentur Level42 Entertainment ordentlich bei bei bekannten Werken von Orwell, Cyberpunk, William Gibson, Akira und den realen Wirren der Busch-Administration bedient, doch das ganze zu einer wie ich finde frischen und interessanten Welt re-cycled. Grund genug also, hier ausführlich darauf einzugehen:

Dieses Album ist Krach pur. Zumindest auch für die Verhältnisse von NIN, denn was den Grad an Verzerrung, Krach und Chaos angeht, stellt es meiner Meinung nach sein unkonventionellstes Album seit The Downward Spiral (1994) dar. Soundcollagen und scharfe, schrille Samples die enorm an die alten Songs des Produzenteams von Public Enemy, namentlich The Bomb Squad erinnern. Genau so habe ich mir immer den Soundtrack zum Cyberpunk vorgestellt. Tanzbare Electro-Beats und Techno-Synths machen Musik in meinen Ohren noch lange nicht „futuristisch“ nur weil sie steril klingen und digital erzeugt wurden.
Das hörbarste Stilmittel auf dem Album ist „Glitch„, aus dem Englischen abgeleitet von „Fehler“:
Hierbei werden durch den Einsatz von Software, Aufnahmen in ihre Einzelteile zerhackt, Stottereffekte und Hintergrundrauschen verursacht um gewollt „fehlerhaft“ zu wirken. Dort wo die meist unbekannten Pioniere dieser Musikrichtung ihre Sounds zu komplett un-hörbarer Musik jenseits von Struktur und Pop-Schemata verarbeiten, nutzt ReznorGlitch“ als musikalisches Stilmittel, das dem Konzeptalbum die passende Atmosphäre wie kurz vor einer gewalttätigen Massendemonstration verleiht.

The Beginning Of The End ist durch seinen eingängigen Schlagzeugrhythmus, der an My Sharona von The Knacks erinnert, nach dem Intro des Albums ein perfekter Pop-Rock Opener mit Radiotauglichen Gitarren (und einem unvermeidbaren Absurz in den Krach als Ausblick auf den weiteren Albumverlauf). Kurz und einprägsam.

My Violent Heart ist für mich der „Übersong“ des ganzen Albums und repräsentiert am allerbesten die Musik der Platte: „Glitch“ wird hier am deutlichsten fühlbar. Spärlich pulsierender Bass im Hintergrund, fast gesprochene Slogans von Reznor, die in kurzen Refrains zu Kreissägenartigem, kreischendem Gitarrenlärm explodieren und Fahr aufnehmen. So geht es bis zum lauten Abgang ständig hin und her. Wohldosiert und dennoch verstörend einprägsam.

 

The Warning hingegen baut konstant auf eine Basslinie mit einer durchgehenden Melodie auf, während nach und nach immer mehr Sounds, Loops und Rhythmen hinzukommen, das ganze kurz zerreissen und dann wieder Platz für weitere machen. Reznor´s Stimme ist irgendwo hinten, schwimmt irgendwo anders. Später wird der Song, wieder einmal, von schiefen Lead-Gitarren kurz besucht und ist dann auch wieder vorbei.

God Given klingt erst einmal fast nach einem tanzbaren Clubsong, der mich im funky Refrain immer irgendwie an Justin Timberlake erinnert.
Coole, kleine Melodien und ein Refrain zum mit-singen. Irgendwie. Mit Abstand der eingängigste Song auf dem ganzen Album.

Reznor komponierte und nahm die Songs hauptsächlich auf der laufenden Tour auf. Das erklärt auch, wieso so wenig „echte“ Instrumente auf dem Album vorhanden sind: Gitarren sind durch geschicktes Sampling so zerstückelt, dass sie kaum live spielbar sind.
Immer wieder taucht aus dem nichts Lärm auf, den man kaum einem bekannten Instrument zuordnen kann, während Reznor´s Stimme vielleicht nicht innovativ, aber höchst effektiv zwischen geflüsterten, gesprochenen und geshouteten Passagen pendelt. Wirklich melodisch gesungen wird kaum auf diesem Album.

Auch findet sich (im Gegensatz zum Vorgänger With Teeth) kaum echtes, akustisches Schlagzeug auf dem Album. Die wenigen Passagen wurden dennoch von seinem damaligen Tourdrummer Josh Freeze (ex-A Perfect Circle) eingespielt. Hier dominieren künstliche Drumsounds, meistens verzerrt und in vielen Schichten übereinander gestapelt. Für normale Industrial-Rock Verhältnisse klingt Year Zero in der Produktion ziemlich minimalistisch.
Bis heute wundere ich mich, wieso dieses Album aufgrund seines Musikalischen Stils nicht zumindest eine Welle an neuen, frischen Bands angespült hat. Schade, denn das musikalische Potenial auf Year Zero müsste eigentlich alle Genre-nahen Musiker, die gerade an Schreibblockade, burn-out, Ideenlosigkeit oder schlechtem Koks leiden, geradezu animieren hier nicht nur ordentlich zu klauen, sondern auch diesen Stil eigenständig weiterzuentwickeln.
So gesehen, eines der Alben die nicht nur Potential für mehr Bekanntheit hatten, sondern auch viel Einfluss auf andere Bands hätten nehmen können. Mir ist allerdings bewusst, dass die fehlenden Strukturen, die wenigen Ohrwürmer und die unkonventionelle Musik sich nicht gerade dazu eignen im Club zum tanzen zu animieren.

Punkte: 9/10
Genre: Industrial-Rock, Glitch, Noise
VÖ: 2007
Label: Interscope / Universal

Tracklist:
01. HYPERPOWER!
02. The Beginning of the End
03. Survivalism
04. The Good Soldier
05. Vessel
06. Me, I´m Not
07. Capital G
08. My Violent Heart
09. The Warning
10. God Given
11. Meet Your Master
12. The Greater Good
13. The Great Destroyer
14. Another Version of the Truth
15. In This Twilight
16. Zero-Sum

 

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About Nihil

Hobbies: Musik, Filme, Gitarre, Whiskey, Pen&Paper Rollenspiele, Fussball Lieblingsmusik: Godflesh, Ministry, Massive Attack, Mayhem, NIN, Sisters Of Mercy Motto: "I won´t get down in history but I will get down on your sister"Bin ein hyperaktiver, ungeduldiger Kerl - ich habe manchmal eine grosse Klappe und schere mich wenig um "Political Correctness" in der Unterhaltungsindustrie. Eigentlich hasse ich Kunst und alles, das mir zu "gekünstelt"erscheint. Für mich muss Musik polarisieren, laut sein und mehr Substanz haben als Hochglanzfotos auf den Titelseiten der Magazine. Ich liebe die einfachen Dinge des Lebens.Momentan bin ich Gitarrist bei Ibyss und PaPerCuts und war zuvor auch einige Zeit als Live-Musiker bei Blutzukker und Killing Smile tätig.Mit meinen Beiträgen will ich gezielt über viel zu unbekannte Musik und zu Unrecht vergessene Alben schreiben. Den Underground zu supporten ist genau mein Ding.

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