Lost Classics: White Zombie – Astro-Creep 2000

Selten zuvor gingen Musik, Artwork und Bandoptik so einheitlich zu einem multimedialen „Ohr-Gasmus“ auf. Zwischen Comic, Trash und Horror-B-Movie, Science-Fiction, Geisterbahn, Kirmes und Halloween: Astro-Creep: 2000 – Songs of Love, Destruction and Other Synthetic Delusions of the Electric Head ist für mich eines der wildesten und ungezügelsten Alben der Rock-Geschichte.


Entdeckt habe ich das Album dank der Videoclips auf MTV als verpickelter Teenager kurz nach der Veröffentlichung 1996. Auf der semi-wilden Klassenfahrt nach Berlin wurde es gekauft und in Dauerrotation auf meinem alten Discman gehört. Bis heute ist es eines der wenigen Alben, die ich von Anfang bis Ende begeistert durchhören kann.

Gesamtmusikalisch ein „Crossover“ im wahrsten Sinne des Wortes: mit der Show von Kiss, dem Fundament von Black Sabbath und der Heaviness von Pantera. Das Comic-Artwork von Rob Zombie höchstpersönlich, zeichnet eines der einzigartigsten grafischen Gestaltungen passend zum Outfit der Band auf der Bühne und den Fotos. Da ich aufgrund der hohen Qualität, mich damit schwer tue, einzelne Songs herauszuheben, bleibe ich bei der gesamten Musik und den einzelnen Instrumenten:

Bass und Schlagzeug stampfen und grooven, als gäbe es keinen Morgen.
Sean Yseult
spielt genau so sexy, wie sie damals auf der Bühne aussah, während Drummer John Tempesta in seinem drumming immer wieder Funk-Musik durchkommen lässt.

Die Gitarren von J rocken mit typischen „Drop-D-Riffs“ zwischen Groove-Metal á Prong und Alternative-Rock á Helmet aus den Lautsprechern. Hier und da mit genug kleinen Spielereien wie Wah-Wah oder Tremolo geschmückt. Fast so, als hätte Prince seine Virtuosität gegen den Metal eingetauscht. Hier trieft Rock ´N Roll und Sex-Appeal aus allen Poren.

Der Gesang von Rob ist nicht sonderlich anders als wir ihn heute kennen:
seine tiefe, grummelige und leicht kratzige Stimme wirkt genauso Comic-artig wie die ganze überdrehte Musik der restlichen Band. Hauptsächlich dahingerotzte Vocals, manchmal an der Grenze zum gerappt-phrasierten, ansonsten durchgehend heavy. Nicht spektakulär, zumal er kein wirklich guter Live-Sänger ist, aber absolut charakteristisch und cool. Rob Zombie verfolgte diesen Stil konsequent auf seinen folgenden Soloalben, verkam dabei aber mehr zu einer Karikatur seiner selbst, indem er nicht mehr als nötig tat und somit grosszügig zur Inflation von Industrial-Metal beitrug.

Hinter allen Samples und elektronischen Elementen war hier ein wahrer Fachmann am Werk: Charlie Clouser, der damalige Keyboarder von Nine Inch Nails, der Trent Reznor´s Band von 1994 bis 2000 sowohl Live als auch im Studio begleitete.
Die aus diversen Horror- oder Sex-Filmen gesampelten und eingestreuten Elemente geben der Musik, passend zu den komplett sinnfreien Phantasie-Texten von Rob Zombie das gewisse Feeling von Kopfkino.

Was die Mischung aus Rock/Metal und Electro/Samples angeht:
Astro-Creep ist ein Blueprint, ein Bauplan für alle möchtegern-Industrialrocker. Das Mischungsverhältnis, Anzahl, Art und Laustärke der Electro-und Metalelmente sollte von jedem, der je vorhat(te) so eine Musik zu machen, studiert werden. Gerade in Zeiten, in denen sich Electro-Bands etwas darauf einbilden, dass sie in einem Song ein kurzes Gitarrenriff einbauen oder Heavy-Bands sich als „Pioniere“ feiern, weil sie mal einen vorgefertigten Technobeat aus Fruity Loops irgendwo kaum hörbar untergebracht haben – ihr seid noch lange nicht Industrial-Metal, Kinders!
Für die erstklassige Produktion war kein geringerer als Terry Date verantwortlich, der zu dieser Zeit bereits mit Pantera, Prong und Soundgarden gearbeitet hatte und später noch für Helmet, Deftones oder Limp Bizkit engagiert wurde.

Das hier ist der Soundtrack zum Wochenend-Absturz in schäbigen Kneipen, der in einem Strip-Club voller ausserirdischer Frauen endet. Filmrisse inklusive, aber dennoch unvergesslich.

Nach dem Release des Albums folgte mit Supersexy Swingin´Sounds (1996) noch ein richtig gelungenes Remix-Album, The One auf dem Soundtrack zu Escape from L.A. (1996), der Song Ratfinks, Suicide Tanks and Cannibal Girls auf dem Soundtrack zu Beavis and Butt-head Do America (1996) und die Single-Auskopplung der Coverversion von I´m Your Boogieman auf dem Crow II Soundtrack (1997),  bevor sich die Band im Jahr 1998 leider auflöste und Rob Zombie sein erfolgreichere, wenn auch meiner Meinung nach bedeutungslosere, Karriere als Solo-Musiker und Film-Regisseur/Produzent von irgendwie unterhaltsamen aber ebenso belanglosen Horror-Filmen startete. Schade, schade….

Dreht die Lautsprecher auf und zieht euch direkt diesen Song hier rein:
https://www.youtube.com/watch?v=buhjgg32oY0

Punkte: 11 von 10 (ist einfach so!)
Genre: Industrial-Metal, Alternative-Rock, Groove-Metal
VÖ: 11.04.1995
Label: Geffen
Tracklist:
01. Electric Head Pt.I (The Agony)
02. Super-Charger Heaven
03. Real Solution #9
04. Creature of the Wheel
05. Electric Head Pt.II (The Ecstasy)
06. Grease Paint and Monkey Brains
07. I, Zombie
08. More Human than Human
09. El Phantasmo and the Chicken-Run Blast-O-Rama
10. Blur the Technicolor
11. Blood, Milk and Sky
12. (Hidden Track)

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About Nihil

Hobbies: Musik, Filme, Gitarre, Whiskey, Pen&Paper Rollenspiele, Fussball Lieblingsmusik: Godflesh, Ministry, Massive Attack, Mayhem, NIN, Sisters Of Mercy Motto: "I won´t get down in history but I will get down on your sister" Bin ein hyperaktiver, ungeduldiger Kerl - ich habe manchmal eine grosse Klappe und schere mich wenig um "Political Correctness" in der Unterhaltungsindustrie. Eigentlich hasse ich Kunst und alles, das mir zu "gekünstelt"erscheint. Für mich muss Musik polarisieren, laut sein und mehr Substanz haben als Hochglanzfotos auf den Titelseiten der Magazine. Ich liebe die einfachen Dinge des Lebens. Momentan bin ich Gitarrist bei Ibyss und PaPerCuts und war zuvor auch einige Zeit als Live-Musiker bei Blutzukker und Killing Smile tätig. Mit meinen Beiträgen will ich gezielt über viel zu unbekannte Musik und zu Unrecht vergessene Alben schreiben. Den Underground zu supporten ist genau mein Ding.

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