Neunmalkluges zur Musik: Minnegesang

Spielmann Michel beantwortet Fragen, die keiner gestellt hat.

Heute: Was ist eigentlich Minnegesang?

 

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Der Begriff Minne bedeutet in etwa „liebende“ oder „ehrenvolle“ Gedanken.

Der Minnegesang wurde schriftlich überliefert und es handelt sich dabei um eine sehr regelorientierte Form der Liebeslyrik des 12. Bis 13. Jahrhunderts.

Ok……Soweit so gut…… Mit dieser Definition könnte man jeden Geschichtslehrer glücklich machen, denn sie fasst in wenigen Worten das wichtigste zusammen. Wir schauen aber nochmal etwas genauer hin.

Im damaligen Frankreich gab es die Troubadoure (Verfasser von Liebesliedern), die Trouvères (Verfasser von Ritter-Epen) und es gab auch noch die Spielleute (Menestrels). Letztere waren eine Art musikalisches Fußvolk, dass zur Verbreitung der Musik der erstgenannten maßgeblich beigetragen hat und die sich stets eines interessierten Publikums erfreuen durfte, auch wenn ihr sozialer Status am besten mit dem heute gebräuchlichen „Asi“ umschrieben werden kann.

Offensichtlich waren auch mal Deutsche (erwähnt wird ein Friedrich von Hausen) im Publikum und so fand das komplexe Gebilde von Versmaß, Strophe und Melodie Einzug zu Frankreichs östlichen Nachbarn. Dort kam eine ordentliche Portion gregorianischer Gesang und natürlich die Texte in Mittelhochdeutsch dazu.

Zunächst mal befasste man sich mit so „ehrenhaften“ Themen, dass man vermuten könnte die Minnesänger haben ein Leben im Stehen verbracht, so dick muss der Stock im Arsch gewesen sein. Die Weiblichkeit wurde verehrt (gut…. Da is ja nix falsches dran), aber man setzte in den Texten regelhaft auf die „unerfüllte Liebe“. Epen, in denen ein Mann einer Frau unbedingt seine Aufwartung machen möchte, nur weil Ihm ihre Beschreibung aus dem Munde anderer so gut gefiel, dieser Frau dann in einer Kombination aus Stalking und Gralssuche hinterherhechelte und zum Schluss für seine Ausdauer belohnt wurde, indem er in den Armen der Angebeteten sterben durfte, waren keine Seltenheit.

Später bekam diese Form der Liebeslieder den Titel „hohe Minne“. Vielleicht bezog man sich da auf den Sockel, auf den man die Damen stellte. Der war so hoch, dass man sie auch mit Leiter nicht mehr erreichen konnte.

Mit Minnesängern wie Walter von der Vogelweide, Neidhard von Reuental oder Oswald von Wolkenstein kam glücklicherweise ein wenig Abwechslung in die Szene, die wohl irgendwann mal genug hatte von erotischen Spannungen ohne Chance auf die sicher auch damals von allen Männern angestrebte sexuelle Entspannung. (Vielleicht wurde es ja auch einfach nur zu schwierig, die Rüstung über körperlichen Ausbeulungen zu montieren….) Es entstand das „Mädchenlied“. Ein klarer Bruch zur Minnesängertradition, denn die Angebetete rückte auf einmal in erreichbare Nähe und (kaum zu glauben) es wurden tatsächlich auch körperliche Erlebnisse besungen. Beispiel: Walter von der Vogelweides „Unter der Linden“, in dem von gebrochenen Blumenstielen, plattgedrücktem Gras, und vom Küssen wundrot gefärbten Lippen als Überbleibsel einer Liebesnacht erzählt wird:

 

„Unter der Linden, bei der Aue,

da unser zweie Bette was,

mögt ihr finden schone beide

gebrochen Blumen unde Gras…….

 

…… kust er mich wol tusentstund,

Tandaradei, seht, wie rot mir ist der Mund“

 

(der Text wurde zum besseren Verständnis etwas modernisiert)

Neidhard von Reuental beschreibt in „Willekomen Sumerweter Sueze“ ein Dorffest, das wegen Eifersüchteleien zu einer Schlägerei ausartet,

Diese Form des Minnegesangs wurde, um es deutlich vom Ideal der bis dahin betriebenen Sangeskunst zu unterscheiden „niedere Minne“ genannt.

Als Kunstform war der Minnegesang maßgeblich an den Höfen zu hören. Doch verlor er dort ab Mitte des 14.Jahrhunderts mehr und mehr an Bedeutung und verlagerte sich in das Milieu der reichen Handelsleute. In dieser Zeit entstand auch die Bewegung der Meistersinger, die sich in Zünften organisiert hatten, stringente Regeln über „richtige“ Musik („Tabulaturae“ genannt) aufstellte und in Sängerwettstreiten, ähnlich einer frühen Form von „Deutschland sucht den Superstar“, herauszufinden suchte, wer wohl der Beste wäre. (Nach wie vor ist es mir als Musiker vollkommen fremd, wie man die Musik gegeneinander und nicht miteinander betreiben kann. Da hat sich bis heute leider nicht viel geändert. Wer die meisten Votings bei Internet- oder Telefonabstimmungen mobilisieren kann, hat gewonnen und ist der „Beste“. Meine Meinung dazu: Kreativität verträgt keinen Schwanzvergleich.)

Von einem solche Sangeswettstreit wird in Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ erzählt (bzw. gesungen) Glücklicherweise hielt sich diese Bewegung nicht lange, denn ein solch stringentes Unterwerfen unter ein als gültig anerkanntes Regelwerk kann natürlich nicht viel Innovatives hervorbringen.

Zum Schluß erlaube ich mir als Spielmann eine gewisse Widersprüchlichkeit, denn ich hatte Gelegenheit, Lieder der Troubadouren, der Minnesänger (hohe und niedere Minne) und auch der Meistersinger zu hören……. Das ist wirklich schöne Musik…….. egal, ob die Umstände, unter denen sie entstanden ist, etwas verkorkst waren.

Links:

Unter der Linden:

 

Wilekomen Sumerweter Sueze:

 

Und zu guter Letzt hier noch ein Beitrag des WDR zum Thema Minnegesang, an dem ich die Ehre hatte, beteiligt sein zu dürfen. Eine zweistündige Aufnahmesession im WDR-Studio Dortmund erbrachte einen Beitrag von 48 Sekunden, in dem ich 20 Sekunden zu hören, ca.5 Sekunden zu sehen bin und 4 Sekunden davon Scheiße aussehe 🙂 🙂 🙂 Ich wünsch Euch trotzdem viel Spaß beim Kucken (muss man etwas runterscrollen, um zum Clip zu gelangen) Das Lied ist von Reinmar von Brennenberg und heißt „wol mich des Tags“: http://www.planet-wissen.de/politik_geschichte/mittelalter/burgen/index.jsp

 

Ich freue mich über Anregungen, Themenwünsche und Rückfragen. Meldet Euch einfach

 

Lieben Gruß, Euer

Spielmann Michel (Michael Völkel)

www.michaelvoelkel.de

 

 

 

 

 

 

 

About Spielmann Michel

Seit tausenden von Jahren als zeitreisender musikus auf der Erdenscheibe unterwegs zu spielen Musik jeglicher Art, sei es Walter von der Vogelweide, Metallica, Pink Floyd, Zappa Django Reinhard oder musik aus eigener Feder :-) :-)

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