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Review: NCN12 – Nocturnal Culture Night 2017

Vom 08. bis 10. September fand die zwölfte Nocturnal Culture Night im Kulturpark Deutzen bei Leipzig statt. Auch in diesem Jahr gab es wieder eine ausgewogene Mischung aus bekannten Größen, Perlen der 80er und vielversprechenden Newcomern.

Warmup – Donnerstag

Das Festival beginnt ja eigentlich schon einen Tag vorher, denn während viele Besucher schon ankommen und ihre Zelte aufbauen, wird der musikalische Teil mit einer Warmup Party eröffnet. So erreichte auch ich bereits am Donnerstag, 07. September 2017 um 20 Uhr die Gemeinde Deutzen in der Nähe von Leipzig und musste feststellen, dass ich eine Stunde zu früh dran bin. Was mich aber nicht weiter störte, denn auf dem Festival, welches viele als „das schönste Festival des Jahres“ bezeichnen, ist man besser zu früh als zu spät. Außerdem konnte ich so dem Soundcheck mit „Schamhaar“ belauschen.

Tomas TulpeDie Warmup Party fand wieder auf dem gemütlichen, mit viel Holz ausgebauten, von Bäumen umgebenen und auf 500 Besucher begrenzten Areal der kleinsten Bühne – der Kulturbühne – statt. Um 22 Uhr war es endlich soweit, der erste Live Act des NCN12: Tomas Tulpe.

Der zur Freude der Fotografen auch an dieser kleinen Bühne eingerichtete Graben ließ der hyperaktive King of Trash sofort einreißen. Verrückte Texte, Tulpes Kampf mit dem Mikrofonkabel, die Interaktion mit immer wieder auf die Bühne „eingeladenen“ Besuchern… ein faszinierender, kurzweiliger Auftritt und ein idealer Act für ein Festival-Warm-Up.

Da war der Umschwung zum zweiten Live-Act Liebknecht richtig ernüchternd. Woran natürlich nicht die Fähigkeiten von Daniel Myer und Rinaldo Bite Schuld sind – sondern der Wechsel von absolutem Wahnsinn zu soliden dunklen Technosounds.

Liebknecht

Tag 1 – Freitag

Me The TigerAls ich am Freitag das Festivalgelände erreichte fühlte ich mich schnell so als wäre ich eben mal kurz vom NCN11 weg gewesen. Zwar fehlte der Mittelaltermarkt vor dem Eingang aber sonst schien alles beim Alten. Besonders weil sich gerade Me The Tiger auf die Eröffnung der Weidenbogenbühne vorbereiteten und Red Mecca die Parkbühne eröffneten. Die beiden elektronischen Bands aus Schweden wurden im Newcomer-Voting aus dem Line-up des letzten Jahres wiedergewählt und konnten so sowohl ihr Können noch einmal unter Beweis stellen. Highlight dabei war Me The Tiger, die mit Songs aus ihrem neuen Album „What is beautiful never dies“ eine Weiterentwicklung ihrer sowieso schon großartigen Performance von 2016 präsentierten.

Und dann… Oh nein das Kaffeefahrrad, das im letzten Jahr zwischen Weidenbogen- und Amphibühne stand, fehlt! Ich habe diesen Kaffee wirklich vermisst. Doch trotz dieses Verlusts war das Gastroangebot mit über 30 Anbietern sehr gut und es gab auch mehrere alternative Quellen für Kaffee.

Währenddessen eröffneten Arise-X die Amphibühne. Die Band wirkt irgendwie als hätte sich ein Death Metal Sänger in eine Horde Cyber Goth verirrt. Das Ergebnis ist durchaus gut um sich für den Abend einzutanzen.

Es folgten Sturm Café, der EBM-Kult aus Schweden mit ihren schroffen deutschen Texten, die schon seit Mitte der 80er bestehenden Girls Under Glass und Zeraphine.

CovenantVNV Nation war auch dabei – Quatsch! Aber auch wenn Ruined Conflict versuchen sich etwas von dem VNV Nation Kopie Image wegzubewegen, es ist einfach Fakt, dass der Stil, die Stimme, das Auftreten und selbst die Tatsache, dass sie zu spät auf der Bühne waren, schon sehr an das große Vorbild erinnern. Manche finden es gut, manche nicht. Da ich den VNV Sound mag, fand ich es gut auch diesen Stil auf dem NCN zu hören.

Headliner des Freitags Covenant sorgte für volle Hütte an der Amphibühne. Nach einer gefühlt unendlich langen Intro folgte eine solide Show mit den gewohnten Hits der Schweden.

Doch damit war noch nicht Schluss, denn Unterschätze nie den Mitternachtsact am Freitag! Im letzten Jahr waren es Kite, die mich begeistert und bis zum letzten Ton nicht losgelassen haben. In diesem Jahr stand kein Berg von Elektrotechnik bespielt von zwei Herren aus Schweden auf der Bühne sondern Zoè Zanias mit minimaler Technik dafür aber mit umso beeindruckender Stimme. Eine wirklich fesselnde Performance genau zur richtigen Uhrzeit.

Zanias

Da es sich bei dem NCN um ein reines Open Air Festival in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten handelt, sei auch einmal festgehalten, dass ein Mitternachtsact bis 1 Uhr und Partys an drei Abenden bis weit nach Mitternacht keine Selbstverständlichkeit sind. Woanders ist um 22 Uhr Schluss mit Freiluftmusik. Das spricht für ein seit 12 Jahren bestehendes gutes Verhältnis zwischen Veranstalter und der Gemeinde Deutzen. Es kommen ja auch noch die Parkchaoten dazu, die statt Festivalparkplätzen lieber Zufahrten und Wendemöglichkeiten zuparken. Also: Danke Deutzen!

Tag 2 – Samstag

Samstag, der zweite und längste Tag des NCN. Aufgrund meines optimierungsbedürftigen Zeitmanagements verpasste ich Beyond Obsession. Schade, aber hole ich beim Autumn Moon Festival definitiv nach.

The Red PaintingsAlso starten wir mit Massiv In Mensch auf der Amphibühne, die mit neuem Album im Gepäck und türkisfarbenen Bühnenkonzept neue Farbtrends in der Schwarzen – sorry – Türkisen Szene setzten wollen.

Im Anschluss echt überraschend der Auftritt von The Red Paintings – der Band mit dem weitesten Anreiseweg, da sie in Australien und Los Angeles zu Hause sind. Neben der sehr ausdrucksstarken und dynamischen Performance zeigten sie einem Bodypainting-Act und sehr coole farbenfrohe Outfits. Und ein Michael Jackson Cover war ja auch mal angebracht.

Der obligatorische Regen blieb auch nicht aus aber hielt sich glücklicherweise in Grenzen.

Ein Alleinstellungsmerkmal des NCN Festivals ist ja diese Location. Ein wunderschöner Kulturpark mit Kunstinstallationen und viel Natur, der auf dem ersten Blick etwas verwinkelt wirkt. Die vier Bühnen liegen aber unweit voneinander entfernt – könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Die Amphibühne befindet sich wie der Name schon sagt in einem halbrunden Amphitheater und bietet Platz für die komplette Festivalkapazität von rund 2500 Menschen. Die kleinere Parkbühne wirkt wie an einer Straßenecke errichtet. Die große Weidenbogenbühne ist von Wiese und Weiden geprägt. Zuletzt die kleine Kulturbühne mit Grillplatzfeeling. Und rundrum findet man auch genügend Freiräume, Händler und Gastronomie.

Musikalisch ging es weiter mit Seelennacht, den Golden Apes, Camouflage Erbe M.I.N.E und den EBM Acts NordarR, Jäger 90 und Pouppée Fabrikk.

BoytronicÜberrascht war ich die Band Dorsetshire im Line-up zu sehen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die fast 20 Jahre nach Bandauflösung doch noch einmal live hören durfte – mit einer Brise Das Ich durch Bruno Kramm an dem beweglichen Keyboard. Und es hat sich auch noch gelohnt – tolle Show!

Gefeiert wurde auch die seit 1983 bestehende Band Boytronic mit alten und nagelneuen Liedern.

Neben The Red Paintings gab es weitere Abschweifungen von den Hauptgenres des NCN12. Crematory auf der Weidenbogenbühne bediente als einzige Band den Metal – genauer Gothic Metal – Bereich und vollkommen genrebefreit konnten auch Goethes Erben die große Amphi Bühne für Oswald Henkes emotionales und teilweise psychopathisch wirkendes Musiktheater nutzen. Übrigens ein großes Lob an das Licht bei dieser Show.

Als Headliner stand am Samstag eine bescheidene Band auf dem Programm, die auch schon seit Mitte der 80er besteht und viele Hits generiert hat: Phillip Boa And The Voodooclub. Eine wunderschöne, vielseitige Show, die sichtlich alle im ausgefülltem Amphitheater begeistert hat.

Phillip Boa And The Voodooclub

Tag 3 – Sonntag

Der Sonntag machte seinem Namen alle Ehre, denn er brachte endlich ausdauernden Sonnenschein.

Das musikalische Programm lief mit Essence Of Mind an und erreichte bei Empathy Test schon eine sehr gute Stimmung.

Die härteren Elektroniker Vuduvox, Lucifer’s Aid und Wulfband konnten die Besucher erfolgreich zur Bewegung animieren. Wulfband ist übrigens wie Sturm Café auch eine schwedische EBM-Band, die auf deutsche Texte setzt, weil Deutsch so eine harte Sprache ist. Dagegen bewies Vuduvox, dass es mit Französisch auch funktioniert.

Weiter ging es mit überzeugenden Acts von Saigon Blue Rain, den alten Hasen The Invincible Spirit und Kirlian Camera Sängerin Elena Alice Fossi die mit ihrer rockigeren Band Spectra*Paris am Start war.

Sigue Sigue Sputnik ElectronicDas wichtigste für eine gute Festivalatmosphäre sind natürlich die Leute. Und dazu zählt nicht nur das Publikum. Auf dem NCN wirken irgendwie alle – Security, Händler, Veranstaltercrew, Caterer, Künstler, Besucher, Presseleute – gut drauf und entspannt. Veranstalter und Künstler sieht man des öfteren auch im Publikum, Me The Tiger führen ihr jüngstes Bandmitglied im Kinderwagen durch den Kulturpark und es gibt Bands, die sich direkt nach ihrem Auftritt in das Publikum an der nächsten Bühne begeben. Irgendwie eine große Familie.

Meines Empfindens nach größtes Highlight des NCN 2017 war Sigue Sigue Sputnik Electronic – ein Revival der 1984 gegründeten Band Sigue Sigue Sputnik. Musikalisch mit Elektronik aufgepeppter Rock’n’Roll und optisch skurril.

Und zum Abschluss des NCN 2017 füllte der passende Aggrotech-Abriss-Act Suicide Commando noch einmal das Amphitheater, bevor die Festivalcrew auf der Bühne erschien, um sich zu bedanken.

Suicide Commando

Vielen Dank für eine erneut wunderschöne Nocturnal Culture Night. Ich freue mich auf Runde 13 und natürlich auch auf die weiteren Events der Crew.

Kommende HT-Events

17. Februar 2018 – VIII. E-Only Festival, Leipziger Stadtbad
13. + 14. April 2018 – Kasemattenfestival, Sandsteinhöhle Langenstein bei Halberstadt
07. – 09. September 2018 – NCN13 Nocturnal Culture Night, Kulturpark Deutzen bei Leipzig

NCN12 Fotogalerien

Warmup und Tag 1 – Freitag: http://dark-n.de/Ed8tI
Tag 2 – Samstag: http://dark-n.de/pkUcG
Tag 3 – Sonntag: http://dark-n.de/MlSZR

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