Wörter haben Seele – Interview mit Markus Keimel

Markus Keimel ist ein in Österreich lebender Musiker, der vielen durch seine Bands wie Lydia´s Gemstone oder Sumostar bekannt sein dürfte. Neuerdings hat er die Gitarrensaiten gegen die Schreibfeder getauscht und sein Buch namens Wörter haben Seele veröffentlicht. Wie gewohnt, plauderte Nihil mit ihm ausführlich über Musik, Inspiration und alles triviale. 

MarkusKeimel_WörterhabenSeele_CoverHi, Markus. Wie ist es generell um die Gothic-Subkultur in Österreich bestellt?
Markus Keimel:  Ich würde sagen das sie in Österreich eigentlich nur in Wien sehr lebendig ist. Auf die Bundesländer und anderen Städte verstreut nehme ich nicht so viel davon wahr. Man muss dazu sagen das ich mich zwar nie als Teil dieser Szene gesehen habe, ihr aber wirklich sehr viel zu verdanken habe. Eigentlich war ich nie Teil einer Szene. Ich fand die Gothic-Szene aber immer schon sehr interessant und habe auch viele Freunde in ihr gefunden. Ich kam mit der Gothic-Szene eigentlich erst so richtig durch meine Band Lydia’s Gemstone in Berührung. Dadurch wir immer einen schwer melancholischen Touch hatten, in unseren Songs als auch im Gesamtkonzept, wurden wir von dieser Szene extrem gut aufgenommen. Diese Verbindung ist bis heute nicht gerissen, ganz im Gegenteil. Und das freut mich persönlich natürlich sehr. In Summe sehe ich mich vielleicht nicht als Teil von ihr, bin es aber mehr als mir eventuell bewusst ist. Zumindest bin ich, wie gesagt, sehr stark mit ihr verbunden.

Rollen wir das ganze dann mal chronologisch auf: Wie kamst du zur Musik? Wie wurde aus dir der Musiker, der du heute bist?
Markus Keimel:  Da müssen wir wohl eine kleine Zeitreise unternehmen. (schmunzelt)
Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie, Musik war in meinem Leben also immer präsent. Bereits in der Kindheit.
Mein Vater ist Dirigent und Orchesterleiter und brachte uns von Kind an die Musik an sich näher. Ich habe, als meine älteren Brüder längst schon die Musikschule besuchten, allerdings nur sporadisch auf dem Klavier geklimpert und mich in Kassettenrecorder-Sessions mit David Hasselhoff duelliert. (lacht) Das war so im Alter von 7,8 würde ich sagen. Der wirklich zündende Moment kam mit 12. Ich kann mich an diesen Tag erinnern als wäre es erst gestern gewesen. Ich entdeckte die Gitarre meines Bruders für mich. Und das für mich bis heute am meisten erstaunliche war, das ich als Allererstes versuchte damit einen Song zu komponieren. Ich wollte nichts nachspielen sondern meine eigene Gefühlslage vertonen. Ich kann somit sagen, das Musik für mich ab diesem Tag an ein Ventil war, ein Mittel zur Selbstverwirklichung, eine Art realistisches Traumland, ein einzigartiger, tranceähnlicher Zustand.  Und das ist es bis heute geblieben. Was mich weiterführend zu dem Musiker gemacht hat, der ich heute bin war auch definitv der Hunger auf Neues, die Neugier und Lust am Entdecken. Erst wenn du alles ausprobiert hast kannst du defintiv sagen in welchem Bereich du dich am wohlsten fühlst. Neugier bringt Wissen. Und Wissen bringt meist Verbesserung mit sich.

In Lydia´s Gemstone sitzt seit der Gründung 2007 dein eigener Bruder Christian an den Drums. Gab es jemals geschwisterliches Gezoffe in der Band oder wart ihr dadurch eher ein harmonisches Team?
Markus Keimel: Beides. Wir sind vorallem in diesem Bereich zwei wohl eher dominante Typen. Und das bedeutet meistens etwas Reibung (schmunzelt). Das Unbezahlbare an dem Ganzen ist aber dieses blinde Verständnis im Musizieren. Der eine weiß intuitiv was der andere tut. Das ist ein dermaßen spezielles Gefühl, unbeschreiblich. Eine ähnlich starke Verbundheit habe ich bisher im Vergleich noch nie erlebt. Das nennt man dann wohl die Magie der Musik.

Was bedeutet(e) der Bandname? Wer ist diese Lydia denn und was hat  ein Schmuck- oder Edelstein im Namen einer Dark-Rock Band verloren?
Markus Keimel:  Naja, als die Band von mir und Christian gegründet wurde klang das Ganze überhaupt nicht nach Dark-Rock. Auch auf unserem Debut No Endorphins Added nicht. Anfangs spielten wir zwar melancholischen, aber definitv Alternative/Rock. Bei der Namensfindung war mir in erster Linie Eigenständigkeit und Wiedererkennungswert wichtig. Auch dieses Unpräzise, Rätselaufwerfende gefiel mir sofort daran. Und er klingt absolut genre-unabhängig. Da ich gefühlt noch nie ein Interview gegeben habe in dem diese Frage noch nicht aufgetaucht ist, denke ich der Name war eine goldrichtige Entscheidung. Und seien wir uns mal ehrlich, es gibt doch nichts schlimmeres als einen unkreativen Bandnamen (schmunzelt).

No Endorphins AddedEure erste Veröffentlichung war 2008 das Album No Endorphins Added. Was hattet ihr gegen Endorphine? Abstinenz statt Sex, Drugs & Rock ´N Roll?
Markus Keimel: In den Texten verarbeitete ich einige sehr persönliche schmerzliche Erfahrungen und beschäftigte mich auch überwiegend mit dem Thema Seelenschmerz, Liebeskummer und so weiter. Im Grunde ein altbekanntes Thema, aber zumindest lyrisch in einer besonderen Herangehensweise an die Thematik. Endorphine sind ja, wie oft dahergesagt, keine Glückshormone sondern werden unter anderem ausgeschüttet um die Schmerzreizleitung zu blockieren. Zumindest glaube ich das so zu wissen. (lacht)
Auf jeden Fall sollte der Albumtitel symbolisieren das wir den Leuten diese Emotionen auf direktem Wege zuführen wollen. Es macht aber auch Sinn das darin keine Glückshormone vorkommen, wenn man so möchte. (lacht) Den Song The Lovedrug Symphony kann ich übrigens schwer empfehlen. Den finde ich noch immer toll.

Lydias_GemstoneThe New Melancholy kam 2011 heraus. Wo liegt der grösste (musikalische) Unterschied zum Debütalbum?
Markus Keimel: Vor allem in der zugelegten Härte. The New Melancholy klingt viel tiefer, brachialer und härter als No Endorphins Added. Die Arrangements sind auch viel mehr auf den Punkt gebracht. Wir haben bei The New Melancholy auch mehr mit elektronischen Elementen zu spielen begonnen. TNM ist auch in Summe um eine schwere Ecke düsterer. Schlichtweg gereifter und detaillierter. An den unzähligen, wirklich guten Kritiken, die das Album bekommen hat, scheint wohl eher TNM das bessere zu sein. Ich für mich kann das gar nicht so sagen.

Während deiner Zeit mit der Band habt ihr unter anderem auch mit Tiamat, Mono Inc. oder The 69 Eyes die Bühne geteilt. Aufregend?
Markus Keimel:  Ach, das war mir immer völlig egal. Wirklich. Zumal ich auch von keinem dieser Bands ein Fan bin oder war. Das Tolle daran waren für mich die professionellen Rahmenbedingungen und das mit solchen Headlinern natürlich eine ganze Menge mehr an Leuten vor der Bühne standen als vielleicht bei eigenen Headliner-Shows. (lacht) Weil du aber speziell diese 3 Bands ansprichst. Allesamt sehr herzliche und zuvorkommende Menschen. Mit einigen habe ich sogar noch immer Kontakt.

MK mit Lydia's GemstoneBezüglich Gigs mit professionellen und sehr bekannten Bands: wie stehst du als Musiker zum sogenannten „pay to play“, dass den Live-Sektor der Musikindustrie mittlerweile so fest im Griff hat?  
Markus Keimel:  Das ist mitunter eines der fürchterlichsten Dinge überhaupt. Ich habe noch nie in meinem Leben bezahlt um auf eine Bühne gehen zu dürfen. Und eines kann ich mit Sicherheit sagen, ich werde das auch niemals tun. Es sei denn man veranstaltet selbst und mietet eine Location. Das ist wieder etwas anderes. Aber eigentlich läuft es so das ich bezahlt werde um auf die Bühne zu gehen. Ich kann auch nicht einen einzigen verstehen der so etwas macht.

Welche Erinnerungen hast du eigentlich an den Dreh und die Produktion von eurem Musikvideo zum Song Noir?
Markus Keimel: Oh, das war sehr chaotisch. (lacht) Ein völlig durchgeknallter Haufen. Es hätte mich nicht gewundert wäre mal ein Auto rangefahren und hätte uns ein paar nette weiße Westen angeboten. (lacht) Aber die Ideen des Videos finde ich immer noch toll. Es war halt eine Low-Budget-Produktion. Aber wie gesagt, sehr innovativ. Ich würde liebend gerne ein paar Anekdoten des Drehs erzählen, mir fällt aber partout nichts mehr ein. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt wohl zu intensive Blickkontakte mit diversen Schnappsgläsern. (schmunzelt)

Da du nicht nur Sänger bist, sondern auch Gitarre spielst: Wer ist so dein persönlicher Gitarrenheld und wieso?
Markus Keimel: Joe Satriani finde ich schon sehr genial. Vorallem auch deswegen weil er dem Song mehr Wertigkeit schenkt als seinem eigenen technischen Können. Yngwie Malmsteen zum Beispiel finde ich als Gegenteil fürchterlich. (lacht) Steve Vai darf da auch nicht ungenannt bleiben. Den habe ich früher auf und abgehört. Auch deshalb weil er sich vorallem auf Kompositionen konzentrierte, sein Gitarrenspiel unglaublich präzise und dosiert einsetzte. Ich weiß nicht wie oft ich For The Love Of God mit ihm im Duett spielte. (schmunzelt) Er weiß halt leider nichts davon. Der aber wohl meist unterschätzteste Gitarrist ist Jeff Loomis. Der ist wirklich ein Tier. Seine leider nicht mehr existierende Band Nevermore liebe ich auch noch immer. Und natürlich auch Marty Friedman. Der vorallem auf den alten Megadeth-Scheiben legendäre Solos ablieferte. Das sind Licks für die Ewigkeit. Den ultimativen Gitarrenhelden hatte ich aber eigentlich nie. So komisch das nun auch klingen mag. Ich sah mich immer schon mehr als Sänger und Songschreiber. Obwohl ich schon auf relativ hohem Niveau spielen kann war die Gitarre eigentlich meist Mittel zum Zweck.

Und was wurde nun aus Lydia´s Gemstone? Liegt die Band erst einmal auf Eis oder dürfen wir uns auf neue Releases freuen? Was machen die anderen Bandmitglieder momentan?
Markus Keimel: Lydia’s Gemstone liegt definitv auf Eis. Die Band hat sich allerdings nicht aufgelöst. Wir hatten vor etwa zwei bis drei Jahren bereits ein ganzes Album fertig komponiert und arrangiert. Durch einige Umstände, auf die ich nicht näher eingehen möchte, wurde die Band allerdings auf Eis gelegt. Ob und wann es wieder was von Lydia’s Gemstone zu hören gibt kann ich im Moment allerdings leider nicht sagen. Was die anderen Mitglieder angeht, widmen sie sich momentan Projekten abseits der Musik. Ich bin persönlich momentan auch mit Buchprojekten und Sumostar dermaßen beschäftigt das ich gar nicht mal so viel Zeit habe daran zu denken. Lydia’s Gemstone wäre und war ein Full-Time-Job.

In deiner Biografie taucht ein Projekt namens The HeArt of Soul auf. Dabei handelt es sich um klassische Musikkompositionen von dir. War deine Gitarre zu dem Zeitpunkt in der Reparatur oder ist das eine wichtige Seite deiner musikalischen Prägung?
Markus Keimel:
An denen liegt mir sehr viel. Das hat natürlich nichts mit einer Gitarrenreperatur zu tun. (lacht) Ich bin diesbezüglich einem sehr intensiven Verlangen nachgegangen, einem schon sehr lange existierenden Drang in mir. Ich bin sehr früh mit klassischer Musik in Kontakt gekommen und habe von Zeit zu Zeit immer klassische Stücke auf der Gitarre geschrieben. Teilweise hatte ich eben auch schon sehr aufwendige Instumentierungen und Arrangements im Kopf, teilweise aber nicht die Möglichkeiten diese zu realisieren. Als die Möglichkeiten dann hatte schrieb ich mir sozusagen einen Stein vom Herzen. Auf die The HeArt of Soul-Kompositionen bin ich, verglichen mit den anderen Projekten aber am Meisten stolz. Die Reihe wird übrigens noch dieses Jahr erweitert.

SUMOSTAR2013 schallten dann ganz andere, nämlich elektronische und ziemlich positive Sounds von dir durch das Internet. Unter dem Namen Sumostar hast du damals das Debüt Reload The Flushmode produziert. War dies das fast schon klischeehafte, obligatorische Soloprojekt nach vielen Jahren voller Kompromisse und Gruppendynamik in einer mehrköpfigen Band?
Markus Keimel:  Nein, überhaupt nicht. Hierbei verhält es sich ähnlich wie bei der The HeArt of Soul-Reihe. Ein Wunsch den ich schon lange in mir getragen habe. Elektronische Musik, mit einem House/Lounge-Touch, vermischt mit meiner Handschrift. Genau genommen Electro-Pop, der es ja ist. Ich weiß gar nicht wieviele Songs ich geschrieben und verworfen habe weil sie nicht zu Gemstone passten, bei Sumostar aber genau richtig aufgehoben waren. Das ist auch eine sehr große Erkenntnis die du als Musiker irgendwann machst. Das es größtenteils eben auf die Instrumentierung ankommt. Es kann sein das du einen Song für eine Rockband schreibst, er mit dieser aber ziemlich schlecht klingt. Du instrumentierst und arrangierst das Ganze um und lässt ihn von einem Klavier und ein paar Streichern spielen und plötzlich funktionierts. Aber um auf die Kernfrage zurückzukommen, es war nur eine Frage an der Zeit bis ich das Ding starte.

Weiter geht es im zweiten Teil des Interviews, in dem wir auch näher auf Markus´ neues Buch Wörter haben Seele eingehen. Hört solange mal in Markus´  Musikprojekte rein und besucht sie im Netz:

http://www.facebook.com/pages/Lydias-Gemstone/
http://www.facebook.com/sumostarmusic

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

About Nihil

Hobbies: Musik, Filme, Gitarre, Whiskey, Pen&Paper Rollenspiele, Fussball Lieblingsmusik: Godflesh, Ministry, Massive Attack, Mayhem, NIN, Sisters Of Mercy Motto: "I won´t get down in history but I will get down on your sister" Bin ein hyperaktiver, ungeduldiger Kerl - ich habe manchmal eine grosse Klappe und schere mich wenig um "Political Correctness" in der Unterhaltungsindustrie. Eigentlich hasse ich Kunst und alles, das mir zu "gekünstelt"erscheint. Für mich muss Musik polarisieren, laut sein und mehr Substanz haben als Hochglanzfotos auf den Titelseiten der Magazine. Ich liebe die einfachen Dinge des Lebens. Momentan bin ich Gitarrist bei Ibyss und PaPerCuts und war zuvor auch einige Zeit als Live-Musiker bei Blutzukker und Killing Smile tätig. Mit meinen Beiträgen will ich gezielt über viel zu unbekannte Musik und zu Unrecht vergessene Alben schreiben. Den Underground zu supporten ist genau mein Ding.

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