Alcest – Écailles de Lune (Review und Kritik)

Alcest - Écailles de Lune
Eigentlich stehe ich schon seit langem mit der französischen Sprache auf dem Kriegsfuß. Mehrere Jahre des gymnasialen Französischunterrichts mit stets eher weniger guten Endjahresnoten haben in mir eine starke Abneigung gegen die Sprache herangezüchtet, gerade gegen ihren viel geschätzten melodischen Klang. Dementsprechend war ich doch sehr überrascht, als ich vor einiger Zeit das selbstbetitelte erste Album der französischen Band Amesoeurs in die Finger bekam und feststellen durfte, dass französischsprachige Musik von meinem Widerwillen offenbar ganz und gar nicht betroffen ist. Schon bald gelüstete es mich nach mehr davon, doch die Band hatte sich bereits am Erscheinungstag jenes Albums aufgelöst und ansonsten nichts außer einer EP und einer kurzen Split hinterlassen. Meine Erleichterung war groß, als ich mitbekam, dass „Neige“, der kreative Kopf der Band, bereits seit dem Jahr 2000 mit seinem zweiten Projekt Alcest von sich reden macht. Umso mehr, als nun mit „Écailles de Lune“ das neueste Album dieses Projektes zur Einsicht bereit lag.

Es existieren so einige Parallelen zwischen Alcest und Amesoeurs. Beide Projekte konnten in ihren Anfängen dem Black Metal zugeordnet werden, doch mit der Zeit experimentierte Neige immer mehr mit anderen Einflüssen, insbesondere mit den Elementen des Shoegaze. Das Ergebnis unterscheidet sich auch im vorliegenden Werk stark vom typischen Black Metal und wird durch atmosphärisch dichte, fließende Gitarrenlinien charakterisiert, die immer eine gewisse Melancholie vermitteln. Gesanglich dominiert der recht hohe männliche Klargesang, doch auch das für den Black Metal typische Screaming kommt hier gelegentlich zur Anwendung – dann gerne auch begleitet von Blastbeats und harten Gitarrenriffs. Doch die Übergänge zwischen diesen beiden Extremen vollziehen sich stets fließend, sodass die einzelnen Lieder ebenso wie das komplette Album an sich homogene Einheiten bilden.
Neige

Laut meinem Wörterbuch – mit meinen regulären Französischkenntnissen bin ich recht schnell an meine Grenzen gestoßen – bedeutet der Titel des Albums in etwa so viel wie „Mondschuppen“ – ein recht phantastisch anmutender Name, der die träumerische Natur der Musik bereits andeutet. Tatsächlich geht es laut Neige bei diesem Werk darum, der realen Welt den Rücken zu kehren und in einer fremden Realität zu versinken. Das ist auch gut zu merken; das Album ist wie geschaffen dafür, sich einfach hinzulegen, die Augen zu schließen und der Musik zu lauschen.

Den Anfang bilden gleich die titelgebenden Stücke „Écailles de Lune“ Part I und II, die zusammen einen guten Eindruck des musikalischen Konzeptes darstellen. Das Herzstück bilden die vom Shoegaze geprägten atmosphärischen Gitarrenlinien, die gelegentlich auch von akustischen Abschnitten abgelöst und am Ende von Part I mit Black Metal-typischen Blastbeats untermalt werden. Im Gegensatz dazu beginnt Part II recht ruhig mit dem Rauschen des Meeres. Doch die Stille ist trügerisch; schon nach kurzer Zeit brausen einmal mehr die Gitarrenriffs auf, die nun erstmals auch von Kreischgesang begleitet werden, zu dem sich später auch eine weibliche Stimme gesellt. Doch die Gitarren und das Schlagzeug beruhigen sich schon bald wieder, sodass Part 2 noch ruhiger ausklingt, als Part I begonnen hat.
In musikalisch ähnlicher Form wird das Album anschließend mit „Percées de Lumière“ fortgesetzt. Im Gesang dominiert hier klar das Screaming, doch zumindest im Hintergrund ist teilweise auch weiblicher Klargesang zu vernehmen. Auch der auf die Interlude „Abysses“ folgende „Solar Song“ steht dem Vorangegangenen in seiner atmosphärischen Dichte in nichts nach, präsentiert sich in der musikalischen Gestaltung allerdings geringfügig weniger abwechslungsreich. Dies ist jedoch nicht negativ gemeint – zur Verbreitung von Melancholie bedarf es schlicht keiner großen Abwechslung.
Das Ende des Albums bildet schließlich „Sur l’Océan Couleur de Fer„. Dieses verzichtet auf den Einsatz von E-Gitarren und kommt im Gegensatz zu den anderen Stücken allein mit der Akustik-Gitarre aus, doch gerade deswegen stellt es einen atmosphärischen Höhepunkt dar. Es ist insgesamt das ruhigste Lied und vermittelt geradezu perfekt die leise Melancholie eines Abschieds. Es hätte somit keinen besseren Schluss für das Album geben können.

Fazit:
„Écailles de Lune“ ist ein sehr intensives Album, das jedem uneingeschränkt zu empfehlen ist, der sich für atmosphärische Musik begeistern kann. Freilich sollte man hier auch musikalischer Härte nicht gänzlich abgeneigt sein, denn durch diverse Scream-Einlagen und Blastbeats wird immer wieder verdeutlicht, dass Alcests musikalische Wurzeln im Black Metal liegen. Somit ist das Musikprojekt weiteres Beispiel dafür, wie wandelbar viele Bands des besagten Genres sind. Letztlich ist dieses Album aber eher dem Shoegaze zuzuordnen, weshalb auch diejenigen, die Black Metal eher nicht zu ihren Hörgewohnheiten zählen, einen Blick riskieren sollten – sie könnten nämlich etwas verpassen! Einzig der teilweise wirklich recht hohe Klargesang könnte von manchen Hörern – von mir nicht – als störend empfunden werden.

Die Stücke „Abysses“ und „Sur l’Océan Couleur de Fer“ sind in der uns vorliegenden Promoversion des Albums noch nicht in der finalen Master-Fassung enthalten. Da ihnen das jedoch in keiner Weise anzumerken ist, sind sie im gleichen Maße wie die anderen Lieder in die Bewertung des Albums eingeflossen.

Trackliste:

  1. Écailles de Lune (Part I)
  2. Ècailles de Lune (Part II)
  3. Percées de Lumière
  4. Abysses
  5. Solar Song
  6. Sur l’Océan Couleur de Fer


( 8,5 / 10 )
Anspieltipps:
Sollte am Stück genossen werden

Erscheinungstermin:
29.3.2010

Alcest – Homepage
Alcest auf MySpace

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