Establishmensch

Andy Strauß – Establishmensch (Review und Buchkritik)

Establishmensch

Andy Strauß dürfte mittlerweile kein unbeschriebenes Blatt in der hiesigen Kulturlandschaft sein. Als sprachgewaltiger Wortakrobat gehört der dezent eigenwillige Herr zu den Aushängeschildern der deutschen Poetry Slam-Szene. Seine Performances sind energisch und schweißtreibend, die sprachliche Kreativität schier überbordend. Insofern ist der Schritt zum Buchautor nur folgerichtig und konsequent. Und vorab sei gesagt, auch in Printform sind seine gedanklichen Elaborate ein bisschen sozialkritisch, ein bisschen wirr und überdreht, vor allem aber herrlich böse.

Auf 153 Seiten präsentiert Andy Strauß seine rund vierzig lose zusammenhängenden Kurzgeschichten, welche stets auf einem schmalem Grad zwischen frischem, tiefschwarzem Humor und rabiater Holzhammerironie pendeln, zwischen detaillierten Beobachtungen aus dem Alltag und irrsinnig-absurden Splattereinlagen. Strauß nimmt den bürgerlichen Lifestyle zwischen Ikeamobiliar und Fast-Food Idylle gekonnt auseinander, um ihn wieder auszuspucken, und das Ganze in einem bizarr-psychopathischen Kontext neu zu ordnen. Die Protagonisten gehen ihren umnachteten Trieben nach, als wäre es eine vollkommen „normale“ Sache. Tod und Wahnsinn bilden ohnehin in nahezu jeder der Kurzgeschichten das Fundament, und die schlussendliche Pointe. Die Perversion, die zum Grand Finale jedes „Stückchens“ zum Ausdruck kommt, zeigt sich als krasser Kontrast zu der banalen, unscheinbaren Seite der Erzählungen und wird so überspitzt dargestellt, dass zum Ende hin einfach eine „Was zum Henker.. ?“-Reaktion vorprogrammiert ist. Dieses Stilelement ist als fester Bestandteil in den Geschichten verankert und zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk. Gerade weil die durchaus originellen und unverbrauchten Stories aber auf diese lineare Machart so exzessiv zurückgreifen, besteht das Problem, dass der Moment der Sprachlosigkeit und Verdutztheit des Lesers zur Routine verkommt. Andy Strauß ist eben nach wie vor ein Mann der Bühne, und können die Geschichten in Print-Form längerfristig nur eingeschränkt unterhalten, so sind sie in ihrer Kurzweiligkeit geradezu für eine schweißtreibende Performance prädestiniert.

Im Übrigen: Wer jetzt tatsächlich denkt, dass dieses Machwerk in erster Linie den Anspruch hat, sozialkritisch sein zu wollen, der irrt. Zumindest meinen Eindrücken nach, ist das literarische Spiel mit dem geordnet-mittelständischen Leben innerhalb der kapitalistischen Marktwirtschaft einfach nur vergnügt-anarchisches Treiben mit einer gehörigen Portion krankem Humor. Das bisschen Sozialkritik erschließt sich dann mehr oder weniger selbstständig aus dem Kontext des Milieus, in welchem sich Strauß mit seinen Figuren tummelt.

Martin "Rostig" Pilot

Fazit:  Mit „Establishmensch“ habe ich hier ein sehr souveränes Autorendebüt vorliegen. Strauß versteht es mit der Sprache zu spielen, alltägliche Szenarios zu entwerfen und diese mit abgefuckten Grenzerfahrungen zu vermengen. Er konstruiert und dekonstruiert, alles auf eine sehr radikale Art und Weise. Leider sind die mitunter sehr amüsanten Geschichten sehr ähnlich gestrickt, was den dauerhaften Lesegenuss ein wenig trübt. Nichtsdestrotrotz kann man Strauß einen gelungenen Einstand in die Welt der Printmedien bescheinigen. Für das nächste Werk „Alpträumer“ wünsche ich mir allerdings eine stringente Handlung, einen geschlosseneren Rahmen, mehr Abwechslung und gleichzeitig mehr Irrsinn.

( 7 / 10 )

Medium: Taschenbuch

Umfang: 153 Seiten

Verlag:   UBooks

Erscheinungsdatum: August 2009

Webpräsenz: www.establishmensch.de

About Rostig

Alter: 23 Beruf: Student Lieblingmusik: Querbeet Hobbys: Musik, Videospiele, Filme, Schreiberei, Kunst

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    Sehr schöne Kritik für ein recht unbekanntes, aber dennoch gutes Buch. Du hast es recht gut ausgedrückt, die Sprachgewandheit ist wirklich köstlich, aber sein Gespann der Geschichten wir kurzzeitig ein wenig eintönig. Trotz allem, ein sehr tolles Buch.