Kolumne: Zwischen den Seiten

Eines der schönsten Hobbies ist mit Sicherheit das Lesen, das hineintauchen in die skurrilsten Phantasiewelten. So, wie wir „unsere“ Musik genießen, sind es beispielsweise auch die Texte, die uns immer wieder faszinieren und zum Nachdenken anregen. Die musischen Künste sind gerade das, was uns vom tristen Alltag losreißt. Auch in der schwarzen Szene gibt es einige Künstler, die ihre Gedankenwelt nicht nur mit ihrer Musik eine Gestalt verleihen, sondern auch mit fabelhaften Buchbänden.

Weisser-als-das-WasserWie lange habe ich doch auf die Veröffentlichung des ersten Romans von Alexander Kaschte (Samsas Traum, Weena Morloch) gewartet. Endlich, nach einem halben Jahr des Wartens, war das kleine Büchlein mit dem Titel „Weißer als das Wasser“ gestern in meinem Briefkasten (wohlgemerkt mit einer ganz anderen, sehr edlen, Optik, als erwartet). Die Liedtexte Kaschtes waren für mich schon immer traumhaft, wenn auch häufig ziemlich krank, sein „Buch der toten Kinder“ raubte mir voll Schönheit den Atem, und nun, nach etlichen Verzögerungen hielt ich diesen Roman in der Hand, dessen erste Seiten ich am heutigen Morgen förmlich verschlang. Wer hätte es gedacht, dass Kaschtes Neuinterpretation des „Hänsel & Gretel“-Stoffs so modern und doch so grotesk wird? Eine Rezension zum Buch wird in den nächsten Tagen folgen.

Doch Kaschte ist nicht der einzige Schreiberling in der großen Gothic-Familie. Wenn wir etwa einen Ausflug in die Lyrik machen, stoßen wir nicht nur auf einen Till Lindemann (Rammstein), welcher neben seiner bildlichen Kunst bisher zwei Textbände mit vielen literarischen Bezügen und Motiven auf den Markt gebracht hat, oder gar Oswald Henke (Goethes Erben, Fetisch:Mensch), der sein lyrisches Werk außerhalb der Musik gekonnt und wie gewohnt grotesk fortführt. Hinzu kommen Autobiographien, die hier ebenso genannt werden sollten und müssen – so halte ich etwa, wenn auch nicht unbedingt in der Szene verankert, die Biographie von Mötley Crüe „The Dirt“ für eines der grandiosesten Bücher, welche ich jemals lesen durfte. Doch auch der Graf von Unheilig hat es soweit getrieben, und eine eigene Autobiographie geschrieben (ob das so sinnvoll ist, kann man gerne eines der vielen Hausmütterchen fragen, die das Buch neben Shades of Grey im Bücherregal stehen haben).

Bücher werden wieder etwas besonderes, vor allem, wenn man sie nicht gerade bei Amazon kaufen kann, sondern diese nur direkt bei dem jeweiligen Künstler zu ergattern sind. Es gibt dem Text eine weitere magische Nuance, die ihn zu etwas Besonderem werden lässt.

„Unsere“ Musiker geben uns wieder Anreiz ein Buch in die Hand zu nehmen und verdammt nochmal zu lesen, und eben nicht den ganzen Tag am Handy rumzudaddeln. Ich kenne kein anderes Musikgenre, in welchem die Künstler so kreativ sind, dass sie es schaffen Gedichte oder sogar ganze Romane zu schreiben, die so tief in die Seele gehen, dass sie preisverdächtig gut sind. Vielleicht ist gerade der Sprung in die Welt der Literatur die richtige Richtung für manch einen Musiker, um endlich einmal die verdiente Anerkennung bei Menschen zu erhalten, die nicht unbedingt in der Szene sind, und die somit die Möglichkeit erhalten in die Facetten eines Künstlers hinein blicken zu können, der von Grund auf andere Denkmuster und Phantasien verfolgt.

 

About Friedi von Murr

Friedi von Murr berichtet jeden 2. Sonntag Abend in ihrer Kolumne über das alltägliche Dasein des Gruftitums. Ansonsten studiert sie im Master Deutsche Literatur an der Philipps-Universität in Marburg.

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