100 Classic Book Collection

Nintendo DS: 100 Classic Book Collection (Review und Kritik)

100 Classic Book Collection
100 Classic Book Collection

Der so genannte „Casual-Boom“ der letzten Jahre, der vor allem auf den Konsolen von Nintendo stattgefunden hat, hat so einige Trends auf den Videospielmarkt gesetzt. Logik-Trainer, Sprachtrainer, Ernährungsberater, Fitnessspiele – mittlerweile ist alles denkbar. Wenn es eine positive Seite dieser Entwicklung gibt, dann hat sie sich in der Veröffentlichung von der „100 Classic Book Collection“ für den Nintendo DS manifestiert. Sony wirbt ja schon seit einiger Zeit mit ihren überteuerten E-Book Reader. Da dachte sich Nintendo: „Hey! Das können wir doch auch. Der DS ist doch perfekt für E-Books geeignet.“ Schon bald wurde das hier vorliegende Modul in Großbritannien zu einem wahren Verkaufsschlager. Ob sich die Romansammlung auch für deutsche Leseratten lohnt, lest ihr in der folgenden Kritik.

Es ist ja eigentlich schon erstaunlich. Da gelten Videospieler in der Allgemeinheit als Menschen die sich nicht sonderlich für Kultur interessieren. Dabei spiele ich nicht einmal auf die leidige und typisch deutsche „Killerspiel“-Debatte an. Videospiele sind im Allgemeinen ein Phänomen, welches vor allem unter Jugendlichen beliebt ist. Und nun kommt Nintendo daher und wirft ziemlich leise und ohne viel Marketing eine Romansammlung auf den britischen Markt. Innerhalb von Wochen verkauft sich das Programm dabei so gut, dass auch die britischen Medien auf den Trend aufmerksam wurden. Vielleicht ist der typische Videospieler doch mehr an Kultur interessiert, als ursprünglich angenommen? Denn in diesem Modul stecken die großen Highlights der Weltliteratur. Das Spektrum reicht dabei vom 18. bis zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Geschichten, die auch heute noch immer wieder gern verfilmt werden und unbestritten die Literatur nachhaltig geprägt haben. Wer das Programm startet, wird sogleich von einer freundlichen Eule im Hauptmenü begrüßt. Den DS hält man dabei im horizontalen Format, wie man es von „Dr. Kawashima“ oder „Hotel Dusk“ kennt. Auf dem Touchscreen kann wahlweise die Einstellungen des Programms ändern, per Wi-Fi Connection kostenlose Bücher herunterladen (zusätzlich zu den vorhandenen Sammlung) oder gleich ins Auswahlmenü der Romane gehen. Nun, dies sollte man auch tun. Schließlich hat man das Programm ja auch extra dafür gekauft. Anhand eines virtuellen Bücherregals stehen nun ganze hundert Romane in voller Länge zur Auswahl.

Das Menü zum Auswählen der Bücher
Das Menü zum Auswählen der Bücher

Und hier sind einige richtig schöne Perlen zu entdecken. Angefangen bei „Little Women“ von der amerikanischen Autorin Louisa May Alcott. Hier geht es um die Familie March in den Südstaaten der USA. Der Vater kämpft im Bürgerkrieg und die Mutter muss ihre vier Töchter mit wenig Geld durchbringen. Da gibt es allen voran Jo, die sich mit der klassischen Frauenrolle nicht abfinden und Journalistin werden will. Beth kämpft gegen ihre Krankheit und ihr einziger Trost ist das Klavierspiel. Ein wunderbares Drama über fünf starke Frauen und Seinerzeit (das Buch erschien 1868) sicher um einiges voraus. Neben amerikanischen Autoren wie Mark Twain, Edgar Allen Poe oder Jack London sind vor allem Autoren aus England vertreten. Die Genres sind in der Zusammenstellung sehr weit gefächert. Von Liebesdramen (Shakespeare’s „Romeo and Juliet“ oder Bronte’s „Jane Eyre“) über Abenteuergeschichten (die ersten beiden Bände von Abenteuer Tom Sawyers und Huck Finn oder „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson) bis hin zu den Anfängen der Science Fiction („20000 Meilen unter dem Meer“) ist alles vertreten. Natürlich darf Captain Ahab in Melville’s „Moby Dick“ genauso wenig fehlen wie die Horrorgeschichten von Poe oder eines der Gründungsromane des Gothic-Horrors (Oscar Wilde’s „The Picture of Dorian Gray“). Wenn zugleich Sir A.C. Doyle’s Meisterdetektiv „Sherlock Holmes“ sowie Robert Stevenson’s „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ durch das viktorianische London des ausgehenden 19. Jahrhundert jagen, weiß man: hier handelt es sich nicht nur um echte Klassiker, sondern auch um sehr spannende Geschichten die die Menschen bis heute inspirieren. Eine genaue Auflistung aller Romane findet Ihr über den Link am Ende des Reviews.

Für jeden Roman gibt es drei Lesezeichen
Für jeden Roman gibt es drei Lesezeichen

Wie sieht nun die technische Umsetzung aus? Erwartungsgemäß wurde die Präsentation natürlich auf ein Minimum heruntergeschraubt. Schließlich geht es ja darum die Romane zu lesen. Wie schon gesagt, sind diese allesamt ungekürzt und in der Originalfassung vorhanden. Die Bedienung geht einfach über den Touchscreen von statten und wird in einem leicht verständlichen Tutorial erklärt. Habe ich bereits erwähnt, dass der überteuerte E-Book Reader von Sony nicht einmal einen einfachen Touchscreen hat? 😉 Außerdem gibt es noch die Möglichkeit die Bücher zu bewerten und per Wi-Fi an andere Leser zuschicken. In den Optionen gibt es außerdem noch so einige nette Dinge zu entdecken. Zum einen kann man die Bedienung an Links- oder Rechtshänder anpassen und es gibt zwei verschiedene Schriftgrößen. Die große Schriftart ist dabei auch für Menschen geeignet dessen Augen nicht so stark sind. Des Weiteren kann man noch verschiedene, ruhige Hintergrundmusiken sowie verschiedene Geräuschkulissen wie Strand, Wald, Sommernacht oder einen fahrenden Zug auswählen. Natürlich kann man den Ton auch ganz ausschalten.

Fazit:

Avatar-Anchantia
Anchantia

Insgesamt ist das Programm einfach fantastisch und gehört zu den Highlights des Nintendo DS. Das Lesen auf den Bildschirm gestaltet sich insgesamt als sehr angenehm, wobei sich der Eindruck bei jedem sicher als unterschiedlich herausstellt. Leider gibt es keine deutsche Version und man ist auf den Import aus England angewiesen. (Im September bringt Randomedia aber ein ähnliches Prgramm mit 200 deutschsprachigen E-Books heraus) Auch auf den neuen DSi gibt es ja für normale DS-Module keine Regionalbeschränkung und mittlerweile erweist sich der Preis mit durchschnittlich 20 Pfund auch für Importe als recht günstig (und so teuer sind Importe von England nach Deutschland ja nun auch wieder nicht). Gerade mit dem Hintergrund, was man bezahlt wenn man all die Bücher einzeln kaufen würde – da ist man schnell bei über 1000 Euro angekommen (wenn man davon ausgeht, dass jeder Roman um die 10 Euro kostet). Schlussendlich eignet sich das Programm für Leseratten mit guten Kenntnissen in der englischen Sprache. Und ganz ehrlich: ich trainiere eine fremde Sprache lieber mit einem spannenden Roman, als mit irgendeinem pseudowissenschaftlichen Sprachtrainer. Schade nur, dass die Romane von Mary Shelley oder H.P. Lovecraft nicht mit dabei sind. Da sind wohl die Lizenzen, trotz des Alters der Originalbücher, ein wenig zu teuer und das vorliegende Programm wäre dann wohl nicht so günstig. Trotzdem: vor allem die Tatsache, dass durch dieses Programm schon viele jüngere Menschen an diese Meistwerke der Literatur herangeführt wurden kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden!

Persönliche Lesetipps:

Louisa May Alcott: Little Women
Jane Austen: Sense And Sensibility
R.D. Blackmore: Lorna Doone
Wilkie Collins: The Moonstone
Sir Ar
thur Conan Doyle: The Casebook Of Sherlock Holmes
Daniel Defoe: Robinson Crusoe
Charles Dickens: Martin Chuzzlewit
Alexandre Dumas: The Three Musketeers
Jack London: The Call Of The Wild
Sir Walter Scott: Waverly

 

(10/10)
(10/10)

Hersteller: Nintendo / HaperCollins Publishers
Veröffentlichung: bereits erhältlich (nur als UK-Import!)


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