Filmankündigung „Gothic“ & Interview mit Macherin Mitra Devi

Gothic FilmWir hatten bereits darüber berichtet: Die Krimiautorin und Filmemacherin Mitra Devi aus der Schweiz hat sich in Arbeit gestürzt und einen Film über unsere Szene gemacht. Das Resultat kommt an diesem Sonntag (31.08.2014) in die Kinos (meines Wissens leider zunächst nur in der Schweiz). Aber natürlich wollen wir unsere Leser nicht einfach nur daran erinnern, sondern euch noch ein paar weitere Hintergrundinformationen liefern. Mitra Devi hat sich Zeit genommen, einige Fragen zur Entstehung des Films zu beantworten, ihre persönliche Meinung zu einigen Themen zu sagen etc.

Mitra DeviWie bist du dazu gekommen, einen Film über die Gothic-Szene zu machen?
Ich war vor ein paar Jahren ein halbes Jahr als Krimi-Stadtschreiberin in Leipzig, bin dort zufällig aufs WGT gestoßen – und war restlos begeistert! Den Krimi, den ich dort geschrieben habe, hat ein Verleger der Schwarzen Szene herausgegeben, so habe ich herzliche Kontakte mit ihm und seinen Kollegen und Autoren geknüpft, die alle aus der Szene stammen. Als ich dann zum 2. und 3. Mal beim WGT war, wusste ich: Darüber möchte ich einen Film machen. Aber nicht nur über die tolle Festivalatmosphäre, sondern auch über persönliche Hintergründe und die Lebensphilosophie der Szenegänger.

Würdest du überhaupt von einer Gothic-Szene sprechen oder von einer heterogenen Schwarzen Szene, von der Gothic lediglich ein Bestandteil ist? Wie begründest du deine Meinung?
So, wie ich es erlebt habe, ist die Schwarze Szene das große Ganze, bestehend aus vielen, sich zum Teil überschneidenden, z. T. auch klar abgegrenzten Unterszenen. Der Gothic-Teil ist meiner Meinung nach ein Aspekt davon. Ich habe während meines Leipzig-Aufenthaltes Leute aus der Metal-Ecke kennengelernt, die sich nicht „Gothics“ nennen würden, andere, die der Mittelalterszene nahe stehen, die sich nicht schwarz kleiden, und wieder andere, die irgendwie „die Musik cool finden“, sich jedoch keiner Szene zugehörig fühlen. Für mich gibt es einen gefühlten gemeinsamen Zusammenhalt in der Szene, gepaart mit dem Wunsch nach Individualität, auch wenn das vielleicht paradox klingt.

Du warst auf dem WGT und auch wenn dort internationale Gäste hin kommen, ist es doch eine deutsche Veranstaltung. Nimmst du Unterschiede zwischen der deutschen und der schweizerischen Szene wahr? Wenn ja, worin äußern sich diese? Hast du auch schon in anderen Ländern die Szene kennen gelernt? (Anmerkung dazu: Ich kenne die Szene aus Deutschland, Österreich, Portugal, Spanien und Tschechien und fand sie überall erstaunlich ähnlich!)
Das kann ich nur beschränkt beantworten, da ich die Szenen anderer Länder nicht in den jeweiligen Ländern selbst kennen gelernt, sondern am WGT getroffen habe. Ich kann nicht sagen, ob die Szene in Madrid, Barcelona, Wien, Budapest oder wo auch immer, ganz einen anderen Groove hat als diejenige in der Schweiz oder in Deutschland. Vielleicht bin ich auch nicht die richtige Ansprechperson dafür, ich habe ja irgendwie auch immer einen „Blick von außen“. Was ich sagen kann, ist sicher, dass ich die herausragenden Merkmale wie Respekt, Toleranz und Friedfertigkeit in Deutschland wie in der Schweiz angetroffen habe. Und zwar in außergewöhnlichem Ausmaß. Sonst hätte ich diesen Film gar nicht machen wollen!

Hattest du vor dem Film eine andere Meinung von der Szene als jetzt nach dem Film?
Sind die Menschen, mit denen du im Rahmen des Films zu tun hattest, deiner Meinung nach „ganz normale Menschen, die sich nur anders kleiden und andere Musik hören“, wie man manchmal hört, oder unterscheiden sie sich in ihrer Art schon von der Norm? Wenn ja, worin äußert sich dies?
Vor dem Film hatte ich eine „verschwommenere“ Meinung von der Szene als jetzt. Es kam schon vor, dass ich sehr gruselig geschminkte oder gestylte Leute mit vielen tätowierten Totenköpfen etwas unheimlich fand, wenn ich nachts allein durch zappendustere Gassen ging! Aber eigentlich nur, bis ich mit ihnen gesprochen hatte. Da war auch immer eine Faszination, ein Interesse, auch eine stille Bewunderung für ihren Mut, Abgründiges nicht nur innerlich mit sich herumzutragen, sondern auch äußerlich zu zeigen.

„Meine“ Filmprotagonisten empfinde ich einerseits als „ganz normal“, weil sie (was viele Leute, die wir bei Interviews auf der Straße gefragt haben, nicht glauben!) einen Job haben, ihre Miete bezahlen und nicht kriminell sind! (Was ich da alles hören musste bei meinen Interviews – unglaublich!) Andererseits finde ich sie auch wieder „nicht ganz normal“, im buchstäblichen Sinne von „nicht der Norm entsprechend“, da sie sich mit Fragen auseinandersetzen, denen viele Durchschnittsbürger lieber ausweichen. Auch ihr großes Bedürfnis nach Authentizität finde ich in der heutigen Welt nicht selbstverständlich.

Planst du noch weitere Projekte, die sich mit diesem oder einem ähnlichen Thema beschäftigen?
All meine Projekte, seien es Bücher, die ich schreibe, oder Filme, die ich mache, drehen sich um Tod, menschliche Abgründe, Schattenseiten und andere verdrängte Bereiche. Das muss aber nicht zwingend tragisch oder schwer sein, sondern darf auch durchaus humorvoll oder schwarzhumorig daher kommen, gern auch mit Action, schönen makaberen Details und Tempo verbunden – ich bin auch Krimiautorin! Wohin es mich als nächstes zieht, weiß ich momentan noch nicht.

Möchtest du noch ein paar ergänzende Worte zu dem Film sagen? Was erhoffst du dir? Sowohl für dich persönlich als auch für die Wirkung des Films auf die Öffentlichkeit?
Mir persönlich wünsche ich viele tolle Kinoaufführungen und dass ein Teil des Geldes, das ich investiert habe, wieder zurückfließt, damit auch ich die Miete noch zahlen kann! 😉 Es braucht Mut für Kinobetreiber, einen low-budget-Film zu zeigen, der nicht in einer großen Produktionsfirma entstanden ist – und viele haben diesen Mut leider nicht. Für die Szene selber wünsche ich mir, dazu beizutragen, ein paar Vorurteile gegen sie abzubauen. Daneben möchte ich natürlich auch einfach einen Film mit sympathischen Protagonisten, starker Musik und guten Bildern zeigen, der informiert, unterhält und berührt.

About Mustaveri

Alter: 28 Beruf: Übersetzerin (freiberuflich) Lieblingmusik: Metal (Death, Dark, Black, Thrash, Symphonic, Gothic) Hobbys: Musik, Sport, Schreiben, Kunst, Kochen

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